
Um ca. 7.15 Uhr waren viele Sternfreunde, Mitglieder des
Kiepenheuer-Instituts und auch zahlreiche Gäste eingetroffen. Der
erste Blick auf die Sonne zeigte außer ein paar winzigen
Sonnenflecken noch nichts Besonderes. Die Spannung begann zu
steigen. Um etwa 7.20 Uhr war es dann endlich zu sehen, das schwarze
Scheibchen vor der Sonne, das sich langsam vor die viel
größere Sonnenscheibe bewegte. Zuerst nur als kleine
"Delle" sichtbar, wuchs sie schnell zu einem vollen Scheibchen
an. Kurz vor dem zweiten Kontakt war dann sogar die von hinten
beleuchtete Atmosphäre der Venus als schwach glimmender Rand zu
erkennen. Dieser leuchtende Atmosphärenring war schon von
Beobachtern im vorletzten Jahrhundert beschrieben worden. Nach dem
zweiten Kontakt warteten alle gespannt auf das
sog. Tropfenphänomen, d.h. die Ausbildung einer dunklen
Brücke zwischen dem schwarzen Venusscheibchen und dem
Sonnenrand. Im Jahr 1769 versuchte man beim Transit die Kontaktzeiten
an verschiedenen Orten der Erde zu messen, um die Entfernung
Erde-Sonne über die parallaktische Verschiebung der Venus vor der
Sonne zu bestimmen. Unter anderem war James Cook für dieses
Experiment mit der "Endeavour" bis nach Tahiti gereist. Die
Messergebnisse waren aber ungenau - unter anderem wegen dieses
Tropfenphänomens, das auch an den 75 anderen Beobachtungspunkten
auf der Erde die exakte Zeitbestimmung erschwerte (der
Beobachtungspunkt auf Tahiti heißt heute noch "Point Venus"). Im
Gegensatz zu der leuchtenden Atmosphäre konnte ein Auftreten des
Tropfenphänomens von den Beobachtern auf dem Schauinsland jedoch
nicht bestätigt werden. Die früheren Beobachtungen sind
offenbar auf die Abdunklung des Sonnenrandes und die vermutlich
schlechtere Qualität der verwendeten Teleskope zurück zu
führen.
Nach dem zweiten Kontakt wurden Eindrücke ausgetauscht und die
Spannung, die während des ersten und zweiten Kontaktes herrschte,
löste sich allmählich. Während der folgenden sechs
Stunden blieb nun genug Zeit, das Durchwandern des Venusscheibchens
vor der Sonne in Ruhe zu bewundern. Dieser lange Zeitraum wurde von
vielen genutzt, auch einen Blick durch andere Teleskope zu
werfen. Neben den transportablen Teleskopen der Sternfreunde waren
auch einige Teleskope von Mitgliedern des Kiepenheuer-Instituts
aufgebaut. Vom Rundbau aus hatte man zudem die Gelegenheit, den
Transit in Weißlicht im C14 zu beobachten. Außerdem
erlaubte ein Ha-Filter die Beobachtung der Chromosphäre und der
Protuberanzen im C8. Viele nutzten zudem die Gelegenheit, mit Hilfe
von mitgebrachten Digitalkameras Schnappschüsse vom Transit
durchs Okular zu schießen. Andere versuchten sich daran,
Aufnahmen in festen Zeitintervallen zu machen, um für
spätere Auswertungen eine Photosequenz des Transits zu erstellen
(siehe Titelbild).
Gegen Mittag brannte die Sonne glühend heiß und es breitete sich Picknickatmosphäre auf der Sternwarte aus. Die Schattenplätze waren schnell belegt und manche nutzten die Gelegenheit für einen kleinen Spaziergang. Viele nahmen auch das Angebot des Kiepenheuer-Instituts wahr, den Transit am Zeiss-Refraktor in Okularprojektion zu verfolgen. Außerdem bestand die Möglichkeit, Mitgliedern des Kiepenheuer-Instituts bei ihrer Forschung am Spektroheliographen über die Schulter zu sehen. Das Kiepenheuer-Institut fungierte übrigens als Koordinator von Informationen und Veranstaltungen in Deutschland für das weltweite ESO-Projekt "Venus Transit 2004".
Im Laufe des Tages fanden sich insgesamt etwa 200 Leute auf der
Sternwarte ein, um den Transit zu beobachten. Viele Gäste
informierten sich über die Aktivitäten der Sternfreunde und
nutzten die Gelegenheit, um ihr Basiswissen in Astronomie zu
erweitern. Der Venustransit wurde zudem von einem Fernsehteam des SWR
in Ton und Bild festgehalten. Die Bilder vom Schauinsland tauchten im
Laufe des Tages in verschiedenen Sendungen mehrfach auf.
Das heiße Sommerwetter sorgte für eine ausgelassene Stimmung, forderte jedoch seinen Tribut: das Seeing wurde zunehmend schlechter. Der dritte und vierte Kontakt konnten deshalb nicht mehr in derselben Qualität wie der erste und zweite Kontakt gesehen werden. Als wäre nichts geschehen, präsentierte sich die Sonne dann um etwa 13.23 Uhr wieder makellos. Der nächste Transit, von dem allerdings nur die Endphase in Mitteleuropa sichtbar sein wird, findet am 5./6. Juni 2012 statt. Danach erst wieder im Jahre 2117. Wir haben also ein im Leben wirklich einzigartiges Schauspiel miterleben dürfen.
Susanne Munk-Schulenburg