3000 km in 30 Stunden für 3 Minuten...

Die große Sonnenfinsternis 2006: für die nächsten 20 Jahre die letzte totale Sonnenfinsternis auf dem europäischen Festland. Erst im Jahr 2026 wird in Nordspanien die Sonne total verfinstert, im Jahr darauf zieht eine weitere totale Sonnenfinsternis über den Norden Algeriens, Libyens und Ägyptens. Erst in 20 Jahren also wird eine Totalitätszone wieder so leicht erreichbar sein wie am 29. März 2006. Wir hatten uns für den Tagesflug von "Eclipse-Reisen" zur Oase Jalu in Libyen entschieden. Zum einen, weil wir als Gruppe von 5 Personen (Jens, Heiko, Uwe, Tania und ich), so spät entschlossen wie wir waren, keine Zimmer im selben Hotel in Antalya mehr erhalten hatten. Hauptsächlich aber wegen der hervorragenden Wetteraussichten in der libyschen Wüste.

Leider wurde nichts daraus. Der Flugplatz in der Nähe von Jalu, wohl eher eine Wüstenpiste, in keiner Karte verzeichnet, dient offensichtlich den dort tätigen Ölfördergesellschaften. Er durfte, wie uns das Reisebüro "Eclipse-Reisen" zwei Wochen vor dem Termin mitteilte, von einer privaten Chartermaschine nicht angeflogen werden. Statt dessen würde es nach Konya in der Türkei gehen.

Konya liegt etwa 250 km Luftlinie landeinwärts des türkischen Badeorts Antalya in der Totalitätszone.

Wir fuhren in Freiburg am 28. März abends um 20:00 Uhr ab. Der Flug sollte in Frankfurt am Tag der Finsternis um 0:30 Uhr starten. Die Chartermaschine käme aus Hamburg, so wurde uns mitgeteilt, und würde etwa 20 Passagiere mitbringen, die bereits dort eingestiegen seien.

Aber die Maschine kam nicht. Erst hieß es, sie würde sich wegen eines technischen Defekts verspäten. Jens hatte zu diesem Zeitpunkt, kurz nach Mitternacht, schon so eine Ahnung: "die kommt gar nicht". Und so war es dann auch. Die Maschine blieb in Hamburg am Boden. Das darf doch nicht wahr sein! Die ganze Vorfreude, die ganze Anspannung der letzten Tage - und jetzt hat dieser blöde Flieger einen Defekt?

Es sei eine Ersatzmaschine in Frankfurt vorhanden - das war die gute Nachricht. Diese startete schließlich um 3:00 Uhr früh - nach Hannover! Dorthin wurden inzwischen die 20 Passagiere aus Hamburg per Bus gebracht. Sie stiegen zu, und um 5:00 Uhr, mit 4 1/2 Stunden Verspätung ging es dann endlich los in Richtung Türkei. Von da an gab's zum Glück keine weiteren unerwarteten technischen Probleme oder Verzögerungen.

Ankunft in Konya bei wolkenlosem, etwas diesigem Himmel nach drei Stunden Flug um 9:00 Uhr Osteuropäischer Sommerzeit. Der "Flughafen" war eine einsame, sonst hauptsächlich militärisch genutzte Landebahn in der türkischen Provinz. Noch die türkischen Zollformalitäten, was bei 150 etwas verschlafenen Sofi-Reisenden etwa 1 Stunden in Anspruch nahm (hoffentlich sind die Türken bald in der EU, dann geht das auch schneller?). Vor dem Flughafengebäude (etwa so groß wie der Bahnhof in Emmendingen) warteten seit Stunden drei Reisebusse auf uns. Wir fuhren etwa 45 km Richtung NO zu einem schönen Beobachtungsplatz auf einer kleinen Anhöhe mit weiter Rundumsicht, nur 6 km von der exakten Zentrallinie der Finsternis entfernt. Dort waren schon einige wenige weitere Touristen, aber keine Einheimischen. Kurz nach 11:00 Uhr Ortszeit, also rund 1 1/2 Stunden vor dem ersten Kontakt, begannen wir mit dem Aufbau unseres Equipments.

Jens hatte eine kleine Montierung und eine Russentonne dabei, Heiko, Uwe und ich jeweils ein Fotostativ mit Teleobjektiv. Ich hatte außerdem auf einem weiteren Fotostativ ein 15x60 Fernglas montiert.

So konnte das große Ereignis denn beginnen... Leider zog ein Problem auf: hohe, aber sich zunehmend verdichtende Zirrusbewölkung. An einem normalen, sonnigen Frühlingstag wären die niemandem aufgefallen, aber ausgerechnet jetzt, zur totalen Sonnenfinsternis! Für die Sonnenkorona während der Totalität ist absolut klarer Himmel notwendig!

Nun, wir ließen uns unsere gute Stimmung nicht nehmen, und die Spannung stieg. 12:42 Uhr: erster Kontakt! Bald darauf klickten die ersten Kamera-Verschlüsse... Aber noch hieß es warten, viel tut sich in dieser Anfangsphase nicht. Der Mond schiebt sich langsam vor die Sonne.

Erst mehr als 1 Stunde später, inzwischen ist die Sonne zu etwa 90% bedeckt, bemerkt Tania, dass sich das Licht verändert habe. Ja, wenn man genau darauf achtet, dann ist eine ganz dezente Veränderung wahrnehmbar, als ob die Landschaft durch einen ganz leichten Graufilter gesehen wird.

Dieses aus mehreren unterschiedlich lange belichteten Aufnahmen kombinierte Bild gelang Andreas Masche bei Konya/Türkei durch Cirrus-Bewölkung.

Dann aber geht es Schlag auf Schlag: erst hört der zuvor ständig blasende Wind plötzlich auf. Es wird merklich kühler, und der Grauschleier wird offenkundig. Nicht wie in der Dämmerung, die Rottöne fehlen vollständig. Ich fühlte mich an die Wahrnehmung erinnert, wenn man die Augen wieder öffnet, nachdem man das Gesicht eine Zeitlang direkt in die helle Mittagssonne gedreht hatte. Eine etwas unwirklich anmutende "graue Dämmerung", ein wenig wie unmittelbar vor einem heftigen Mittagsgewitter... Aber lange währte diese Vision nicht. Die Spiegelreflexkamera noch einmal ausgerichtet, Sonnenfilter schon mal gelöst, die letzten Blicke durch das Fernglas... Dann:

Der 2. Kontakt! Totalität. Dunkelheit wie in einer Vollmondnacht umgibt uns. Jubelschreie, Beifall klatschen! Darauf haben wir gewartet. Der Mond steht exakt vor der Sonnenscheibe und lässt die Korona der Sonne erstrahlen. Durch das Fernglas ein grandioser Anblick: zarte Filamente, am oberen Sonnenrand einige große Protuberanzen! Wunderschön, aber nicht wirklich zu beschreiben. Man muss das mit eigenen Augen sehen, um die Emotionen nachvollziehen zu können, die uns übermannen.

Schnell ein paar Fotos, aber die meiste Zeit - viel Zeit sind 3 1/2 Minuten ja nicht - genießen wir das spektakuläre Schauspiel visuell. Der dunkle Himmel, aber ringsum helle Horizont. Im Westen ist Venus deutlich zu sehen. In einem Dorf ein oder zwei Kilometer östlich gehen die Straßenlichter an. Auf den Fotos werden wir später sehen, wie die Cirrusbewölkung die äußeren Ausläufer der Korona verschluckt. Visuell hat sie das Erlebnis zum Glück kaum beeinträchtigt.

Bald schon wird es am südwestlichen Sonnenrand wieder heller. Plötzlich noch ein Höhepunkt: am Sonnenrand erscheinen erst einige, dann immer mehr helle, blutrote Flecken! Nur Sekunden dauert dieses wunderschöne Perlschnurphänomen, dann vertreibt uns ein blendender Glanz von den Fernglasobjektiven. Die Totalität ist vorbei.

Wir sehen noch den Mondschatten davon eilen, Richtung Nordosten, wie ein schnell abziehende Gewitterfront. Wir bleiben noch vor Ort, bauen unsere Instrumente erst nach dem 4. Kontakt ab. Aber dann sind wir schon wieder auf dem Weg nach Hause. Wieder 3000 km Flug zurück nach Frankfurt. Also müsste die Überschrift eigentlich lauten: 6000 km für 3 Minuten. Am 30. März um 2:00 Uhr morgens sind wir wieder zu Hause in Freiburg. Nach 30 Stunden...

Andreas Masche


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Last Update: 8. Mai 2006
Martin Federspiel (e-mail: clearskies"at"sternfreunde-breisgau"punkt"de)