Sonnenfinsternis über Side am 29. 3. 2006

Kumköy ist derjenige Ortsteil von Side, der genau im Zentrum der Zentrallinie liegt. An den Hotelstränden sind kleine Wälder von Tuben, Stativen und Fotoapparaten zum Himmel gewachsen, die Okulare richten sich zur Sonne aus wie lichtgierige Blüten.

Schon eine oder zwei Minuten nach Beginn der Finsternis kann man den vordrängenden Mond über der Sonnenscheibe erkennen, selbst ohne Vergrößerung. Beim Venusdurchgang im vorletzten Jahr war es so wie jetzt: Mit einem Mal gewinne ich einen Eindruck von der Dreidimensionalität des Himmelsgeschehens. Dass da nicht nur Lichtpunkte und leuchtende Scheiben auf und nieder gehen, wie der Augenschein weismachen will. Sondern das ungeheuer Weite der Räume dazwischen wird mit einem Mal deutlich, große Körper, die sich über gewaltige Entfernungen hinweg gegeneinander verschieben.

13.30 Uhr. Etwas mehr als die Hälfte der Sonne ist jetzt vom Mond bedeckt. Das Licht erscheint wie heruntergedimmt, fahl und bleiern. Die Luft wird empfindlich kühl, die Farben haben keine Kraft mehr und verlieren an Unterscheidung. Heftiger Wind. Gar kein Strandwetter mehr. Ich schaue durchs Teleskop: Einer der beiden Flecke, die seit Beginn der Finsternis links oben am Sonnenrand sichtbar waren, wird aufgefressen. Deutlich erkenne ich Berge des Mondes, die den Rand der Schattenscheibe rubbelig erscheinen lassen.

Aber die Strandlandschaft um mich herum ist unwirklich geworden. Ich friere in meinem dünnen Hemd, und das Frieren passt gut zu den schauerlichen, elenden Farben ringsumher. Was für kranke Gesichter, was für ein kranker Strand, was für ein sonderbares Meer... Es ist eine Untergangswelt, in die ich blicke, eine Suppe aus Blei-Licht. Ich kenne kein Foto, das diese Stimmung im entferntesten wiedergeben könnte. Die vertraute Welt verwandelt sich von Grund auf.

Man kann richtig zugucken, wie der Mond mit seiner vorrückenden Bewegung Tropfen für Tropfen das Licht vom Himmel saugt. Noch drei Minuten? Die kleine gebogene Sonnensichel wird immer noch schmaler, schmilzt an beiden Enden weg.

Da ist die Venus! Hell leuchtend über dem Meer direkt vor uns. Alle zeigen mit dem Finger auf sie und rufen.

Immer dunkler, immer dunkler.

Noch eine Minute bis zur Totalität.

Im Westen der Horizont über dem Meer pechschwarz. Das ist der Mondschatten, der heranrast wie eine Wand.

Wie ich noch zum Horizont blicke und den Himmel nach weiteren Gestirnen absuche, ertönt ein allgemeines "Ah". Denn nun fällt der Bogen der Sonnensichel ganz auseinander - letzte, einzelne Lichttropfen blitzen zwischen den Tälern des Mondes hindurch; sie sind aufgereiht wie eine Kette aus Perlen. Bald ist es nur noch ein einziger Riesendiamant, der funkelnd am Himmel steht über der dunklen Scheibe. Und dann wird es Nacht. Ganz schnell fällt's ein.

Sprachloses Staunen.

Das Licht ist weg!

Die Menschen schreien auf wie aus einer Kehle über soviel Schönheit am Himmel, soviel Erhabenheit! Soviel Unheimliches auch. Am Horizont sind abendrote, fast bläulich-rot dämmernde Wolken; das Licht, das sie beleuchtet, kommt von Gebieten jenseits des Schattens durch die Atmosphäre hindurch und verfärbt sie.

Die Sonnenfilter werden weggenommen. Wunderbar im Fernrohr die Protuberanzen: Fast pink schießen sie auf über die bedeckte Scheibenfläche, eine gerade obenauf, die hat die Gestalt eines gestuften Wasserfalls, eine andere rechts von ihr, die hat die Gestalt einer Feuerzunge.

Aber wie die Sonne aussieht! Da, wo sie steht, ist der Himmel am dunkelsten. Es ist jetzt sozusagen das Gegenteil einer Sonne, eine Sonne von äußerster Schwärze. Eine finstere, scharf abgezirkelte Scheibe mit Strahlen, die links und rechts hell von ihr weggehen - das ist die Korona, die leuchtet. Wie Flügel links und rechts an der dunklen Rundung. Eine Art Tunnel hat sich am Himmel gebildet, ein Tunnel mit leuchtenden Schmetterlingsflügeln...

Es ist leicht, sich ohne Lampe zu orientieren, obwohl diese Finsternis mit fast vier Minuten unter die längeren zählt. Ich hatte es mir vorher anders vorgestellt, dunkler. Außer Merkur und Venus sehe ich keine andern Gestirne.

Plötzlich blendet am unteren Rand des schwarzen Kreises wieder ein gleißender Diamantring auf. Der dritte Kontakt, Ende der Totalität. Merkur und Venus in einem Nu weggewischt vom Himmel.

Jetzt weht wieder ein starker Wind und fährt durch die kleinen Bäume am Strand. Es ist nicht mehr so kühl. Ein Vogel im Baum gegenüber fängt an zu zwitschern. Man braucht eine Weile, um sich wieder zu fassen. Es war in doppelter Hinsicht die Erfahrung von etwas Unbekanntem: Zuerst dieses Frieren und Grauen im Weltuntergangslicht, und dann das überirdisch Schöne, das daraus hervorbrach wie neues Leben aus dem Tod. Die Sonne war ganz verschwunden - und genau in diesem Moment leuchtete die Korona auf mit ihren Strahlen. Dieser Gegensatz war es, der mich (und nicht allein mich) überwältigt hat.

Übrigens ist es fast unmöglich, eine Sonnenfinsternis nicht zu fotografieren oder zu beschreiben. Die Versuche, sie zu reproduzieren, haben allerdings bloß die Bedeutung kleiner Andenken, die man vom Urlaubsort mit nachhause bringt. Muschelschalen, am Strand aufgelesen, erzählen nur ganz unzulänglich vom Meer...

Christian Dombrowski


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Last Update: 8. Mai 2006
Martin Federspiel (e-mail: clearskies"at"sternfreunde-breisgau"punkt"de)