
Die Sternwarte der Sternfreunde Breisgau mit ihren zwei Kuppeln steht auf dem Schauinsland in einem Rohbau-Gebäude, das selbst einen Kuppelkranz darstellt. Dieser Rundbau hat allerdings nicht 2,7 m Durchmesser wie unsere Kuppeln, sondern 14,5 m Durchmesser. Wofür mag diese offensichtlich unvollendete, riesige Kuppel, welche die größte auf dem Schauinsland geworden wäre, wohl einmal gedacht gewesen sein? Man hört, dass es sich dabei um ein Geschenk von Hitler an Mussolini gehandelt habe. Aber wieso schenkt dieser deutsche Diktator dem italienischen eine Sternwarte und baut sie dann in Deutschland auf? Das klingt reichlich unsinnig. Oder es weist auf eine Geschichte hin, die komplizierter verlaufen ist, als man annimmt.
1938 gab es tatsächlich eine Schenkung Hitlers an Mussolini. Anlass war der 20. Jahrestag des "Marsches der Schwarzhemden auf Rom". Hierfür suchte Hitler seinem "Bruder im Geiste", wie er Mussolini nannte, ein wahrhaft großzügiges Geschenkt aus. Es umfasste drei große Teleskope mit zugehörigen Kuppeln von je 10-15 m Durchmesser, ein viertes kleineres Fernrohr sowie die Zusatzausrüstung für ein vollständiges Observatorium nach damals aktuellem Stand der Technik. Eines der Teleskope war ein Refraktor mit 650 mm Linsendurchmesser. So große Linsenfernrohre zählten damals zu den teuersten und wertvollsten Erzeugnissen des gesamten wissenschaftlichen Gerätebaus. Das Geschenk hatte einen Gesamtwert von 1,1 Mio Reichsmark (entsprechend heute ca. 5,14 Mio EUR).
Es war eine Lieferzeit von 2 Jahren geplant. In dieser Zeit sollte auf Grundlage dieses Geschenks ein völlig neues Observatorium etwa 20 km von Rom entfernt in Monte Porzio Cartone bei Frascati entstehen. Dieser Ort liegt nahe dem Albaner See, dem Lago di Alba. An dessen Ufer befindet sich Castel Gandolfo, der Sommersitz des Papstes. Das päpstliche Observatorium in Castel Gandolfo hatte Weltruf. Es sollte durch "die neue, modernste Sternwarte der Welt in jeder Hinsicht übertroffen werden", wie die Zeitung "Westdeutscher Beobachter" in einem Bericht vom 21.11.1938 schrieb. Für das großartige Geschenk wurde eine würdige architektonische Gestaltung zugesagt. Weiter sollten in diesem Observatorium keine anderen astronomischen Instrumente oder Apparate stehen.
Von Juli 1941 bis Januar 1943 werden die Kuppeln in Monte Porzio
gebaut, eine 7 m-Kuppel für den 400 mm-Doppelastrograph, eine
11,5 m-Kuppel für das 1 m-Spiegelteleskop und eine 14,5 m-Kuppel
für den 650 mm-Refraktor. Die Bauarbeiten verzögern sich aus
vielfältigen Gründen, wie der Weinernte, des Todes eines
Bauunternehmers und fehlendem Rohöl für ein
Transportfahrzeug. 1943 gibt es erste Verzögerungen auf der
italienischen Seite. Im Mai 1943 wird eingeschätzt, dass die
Montage frühestens im Frühjahr 1944 weitergehen
könne. Im September 1943 wird entschieden, das Projekt "aufgrund
politischer Veränderungen in Italien" zu stornieren. Mussolini
war im Juni 1943 vom König abgesetzt und verhaftet
worden. Süditalien war von den Alliierten besetzt, Norditalien
war von deutschen Truppen besetzt und Italien hatte einen
Waffenstillstand mit den Alliierten geschlossen. Kuppeln und
Beobachtungsbühnen werden wieder demontiert. Dennoch gibt es
heute in Monte Porzio Cartone ein Sternwartengebäude mit 14
m-Kuppel, das dem damals geplanten Gebäude entspricht (Bild siehe
hier). Das Gebäude
beherbergt allerdings kein Teleskop, sondern die Zentrale und ein
Museum optischer und astronomischer Instrumente. Die beiden
Beobachtungsstationen des Observatoriums liegen in den Alpen. Ein
kleiner Reisetipp für den Fall, dass Sie mal nach Rom kommen: Das
Osservatorio Astronomico di Roma in Monte Porzio ist von Rom aus mit
dem öffentlichen Bus erreichbar.
Ab dem Herbst 1943 wurden in Monte Porzio die Kuppeln und Beobachtungsbühnen wieder abgebaut und zurückgeführt. Die Demontage war am 22. Januar 1944 abgeschlossen. Teile der 14,5 m-Kuppel wurden per Eisenbahn nach Freiburg geliefert, die anderen Kuppeln bei Pößneck (zwischen Erfurt und Chemnitz) eingelagert. Als Erstsatzstandort für Monte Porzio waren das Freiburger Fraunhofer-Institut für Sonnenphysik oder Potsdam diskutiert worden. Der unfertige 1 m-Refraktor kam nach Potsdam, die fertigen peripheren Geräte für den 650 mm-Refraktor nach Freiburg. Auf dem Schauinsland wurde mit dem Bau der Kuppel für den 650 mm-Refraktor begonnen. Der Refraktor selbst ist jedoch nie auf dem Schauinsland gewesen und auch nicht in Monte Porzio, da er bei Zeiss Jena noch gar nicht fertiggestellt worden war. Die bereits gefertigten Teile wurden während des Kriegs nicht durch Bombardierungen beschädigt. Sie waren außerhalb des Zeisswerks eingelagert, z.B. in der Tuchfabrik Wölfel bei Pößneck. Nach der Kapitulation Deutschlands im Mai 1945 hat eine spezielle Kommission der UdSSR entschieden, das Teleskop als Beute zu übernehmen.
Im Januar 1946 arbeiten bei Zeiss in Jena neun Konstrukteure an der Fertigstellung der drei Hauptgeräte des Mussolini-Projekts, jetzt im Auftrag der sowjetischen Akademie der Wissenschaften. Die Geräte sind nun als Kompensation für die durch deutsche Truppen in Pulkovo und Simeis zerstörten bzw. requirierten Geräte vorgesehen.
Die Kuppel des Pulkovo-Refraktors. Sie ist ein Einzelgebäude
auf dem Observatoriumsgelände. Im Google-Map kann dieses
Gebäude gefunden und am Kuppelspalt erkannt werden.
Pulkovo liegt in der Nähe von St. Petersburg, dem damaligen
Leningrad, das vom 8. September 1941 bis zum 27. Januar 1944 unter
deutscher Blockade stand. Das Observatorium in Pulkovo besaß
seit 1889 einen 30 Zoll-Refraktor (760 mm Öffnung). Während
des Kampfs um die Pulkovoer Höhen konnten die deutschen Truppen
das Observatoriumsgelände nicht vollständig einnehmen. Die
Gebäude und Geräte im Observatorium wurden durch den
deutschen Beschuss nahezu vollständig zerstört, auch der 760
mm-Refraktor. Es konnten nur das in über 50 Jahren Arbeit mit
diesem Refraktor entstandene fotografische Plattenarchiv, Objektive
verschiedener Teleskope und teilweise seltene Bücher aus der
Astronomischen Bibliothek Pulkovo gerettet werden.
Der Refraktor aus dem Mussolini-Observatoriumsprojekt mit 650 mm freier Öffnung, der zwischenzeitlich auf den Schauinsland sollte, ging im März 1946 in die Sowjetunion und wird 1946-1954 in Pulkovo montiert. Er hat eine Brennweite von 10,5 m und ist zweilinsig, Typ E, Nr.17340, korrigiert für den visuellen Bereich. Mit der parallaktischen Säulenmontierung weist er ein Gewicht von 14,2 Tonnen auf. Die 1938 für 40 Grad Polhöhe in Auftrag gegebene Montierung wird auf 60 Grad Polhöhe für Pulkovo umgebaut. Das Gebäude für den Refraktor ist eine rotierende Kuppel mit 15 m Durchmesser und 20 m Höhe. Der Boden ist beweglich und kann angehoben bzw. abgesenkt werden, damit die Beobachter bei jeder Stellung des Teleskops komfortabel an die Okularseite gelangen können. Diese Konstruktion entspricht der, die auch in Monte Porzio und auf dem Schauinsland realisiert werden sollte. Am Kuppelkranz auf dem Schauinsland ist sie an den drei in 120° Winkelabstand stehenden Mauernischen zu erkennen, die für die Aufzüge der Beobachtungsplattform vorgesehen waren.
Ab 1956 finden mit dem 650 mm-Refraktor in Pulkovo fotografische Beobachtungen statt. Die Hauptgebiete der wissenschaftlichen Arbeit sind Doppelsterne, die Monde der Hauptplaneten und Sterne, um die man Planeten erwartet. Unter der Leitung von Prof. A. A. Kisseljov wurden fast 22.000 Fotoplatten aufgenommen. Sie stellen einen bedeutenden Beitrag zur russischen astronomischen Datenbank und für das europäische globale Zentrum in Straßburg dar. Seit 1990 sind keine neuen Fotoplatten mehr zu beschaffen. Sie werden nicht mehr hergestellt, da die astronomische Welt auf CCD-Fotografie umgestellt hat. Frühere Plattenhersteller stellen sich um oder sind nicht mehr am Markt, wie die Firma DDR-ORWO, die mit der DDR verschwunden ist.

Die hohe Zeit der Refraktoren für die astronomische Forschung neigte sich schon Mitte des 20. Jahrhunderts ihrem Ende zu, also in einer Zeit, in welcher der Pulkovo-Refraktor gerade erst in Dienst gestellt wurde. Spiegelteleskope mit weit größeren Öffnungen als sie mit Refraktoren realisierbar sind haben seither die führende Rolle des tiefen Einblicks in den Weltraum übernommen. Dennoch konnte der 650 mm-Pulkovo-Refraktor über 35 Jahre seinen Beitrag zur Erforschung des Weltalls leisten.
Quellen:
Ulrich Schüly