NGC 6822 - Barnards Galaxie im Schützen

NGC 6822 in der nordöstlichen Ecke des Schützen ist eine irreguläre Zwerggalaxie unserer lokalen Gruppe, die in etwa zwei Drittel so weit von uns entfernt ist wie M31, die Andromedagalaxie. Die Galaxie zeigt keine ausgeprägten Strukturen wie zum Beispiel Spiralarme. Sie ähnelt ein bisschen den Magellanschen Wolken, ist jedoch kleiner und erscheint, nicht zuletzt aufgrund der sehr viel größeren Entfernung, auch erheblich schwächer.


NGC 6822 wurde von Barnard 1848 mit einem 5-Zoll-Refraktor beobachtet und als extrem schwacher Nebel beschrieben. 1925 untersuchte Edwin Hubble die Galaxie im Detail und beschrieb mehrere diffuse Nebel in der Galaxie, riesige H II-Regionen. Außerdem untersuchte er mehrere variable Sterne aus der Klasse der Cepheiden, mit Hilfe derer er die Entfernung der Galaxie bestimmen konnte.

Eine Beobachtung von Barnards Galaxie ist von unseren Breiten aus immer erschwert durch die horizontnahe Stellung im Schützen in den nur sehr kurzen Sommernächten. Da die Galaxie nur eine sehr geringe Oberflächenhelligkeit besitzt und in einem immer noch recht dichten Sternfeld am Rand der Sommer-Milchstraße steht, ist neben einem allgemein schon dunklen Himmel eine sehr gute Horizontsicht unbedingte Voraussetzung. Der zentrale Bereich der Galaxie kann als schwache Aufhellung gesehen werden, die leicht elongiert und vielleicht 10 Bogenminuten groß ist. Wie Barnards Sichtung mit einem 5-Zoll-Teleskop zeigt, ist für die erfolgreiche Beobachtung der Galaxie nicht die Öffnung des Teleskops entscheidend. Gute Bedingungen sind erheblich wichtiger.

Ich habe die Galaxie in zwei Nächten mit sehr guter Horizontsicht im Juni und im Juli 2006 auf dem Schauinsland mit meinem 22-Zöller mit 150x und 250x beobachtet, entsprechend 3.7 und 2.2 mm Austrittspupille. Die Galaxie erschien als schwache, aber deutliche Aufhel­lung, die in Nord-Süd-Richtung elongiert ist. Orientierung und Größe konnten anhand der Vordergrundsterne mit einer Fotografie ver­glichen werden. Ein leichtes Hin- und Herschwenken des Teleskops erleichtert die Abgrenzung der Aufhellung zum Hintergrund. Interessanterweise erschien das Leuchten der Galaxie dabei nicht gleichmäßig, sondern etwas grisselig zu sein. Die hellsten Sterne der Galaxie erreichen mag 15 bis mag 16 und der körnige Gesamteindruck könnte auf eine beginnende Auflösung der hellsten Einzelsterne zurückzuführen sein.

Schon ohne Filter sind mehrere helle Nebelgebiete zu erkennen, die sich im Halo um den zentralen Balken der Galaxie gruppieren. Diese befinden sich vor allem entlang der nördlichen Schmalseite und erstrecken sich von dort weiter nach Westen. Mit Hilfe eines UHC-Filters können sie eindeutig als H II-Regionen identifiziert werden. Viele dieser Nebelgebiete sind auffälliger als die eigentliche Galaxie, was historisch zu einer Reihe von Missverständnissen bei der Beobachtung geführt hat. Bei einigen sind bei höherer Vergrößerung auch Strukturen erkennbar. 10 mutmaßliche H II-Gebiete wurden von Hubble in seinem klassischen Paper von 1925 katalogisiert und tragen Bezeichnungen von Hubble I bis Hubble X.

Barnards Galaxie ist eine außergewöhnliche Galaxie und sollte im Sommer unbedingt einmal auf dem Beobachtungsplan stehen. Ganz in der Nähe von NGC 6822 steht übrigens noch NGC 6818, ein schöner Planetarischer Nebel mit einer hellen Scheibe.

Edwin Hubbles Originalartikel (Hubble E (1925) NGC 6822, a remote stellar system. Astrophysical Journal 62:409) kann vom NASA Astrophysics Data System (ADS) heruntergeladen werden.

Einen tollen Artikel zu Barnards Galaxie von Rich Jakiel gibt es hier. Dort sind auch weitere Daten zu den katalogisierten H II-Regionen in NGC 6822 zu finden.

Barnards Galaxie, NGC 6822, RA 19h 45, DEK -14°48'

Reiner Vogel


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Last Update: 14. Mai 2007
Martin Federspiel (e-mail: clearskies"at"sternfreunde-breisgau"punkt"de)