Die ersten Blicke durch das Celestron 11 Teleskop mit Binokular ließen mich meine Meinung sofort ändern, nun sagte ich mir, ich hätte schon viel früher wieder einmal den Mond anschauen sollen: Fantastisch, die Krater und Gebirge am Terminator, dem Schattenrand der beleuchteten Mondoberfläche. Begeisternd, diese vielen Details der Kraterabhänge, Rillen, Brüche und Falten, denen man sich bei der Reise entlang des Terminators widmen kann. Es ist wie ein Flug mit einem Raumschiff, den ich von Nord nach Süd über den Erdtrabanten unternehme.
Besonders auffällig ist der Sinus Iridium, der dem Beobachter schon mit kleinem Fernglas "in's Gesicht springt". Er ist Teil des Mare Imbrium, des zweitgrößten Lavameers auf dem Mond, und begrenzt dieses nach Westen mit dem Juragebirge. Der Terminator liegt so kurz vor Vollmond jedoch noch weiter im Westen. Er beleuchtet die Krater um Pythagoras und macht dessen Zentralgebirge in der Mitte des Kraters sowie einige andere Bergspitzen der Region als helle Punkte sichtbar.
Während ich das Lavafeld Sinus Roris zwischen Jura und Pythagoras in Richtung Süden entlangschwebe, fällt mir südwestlich des Sinus Iridium ein kleineres Gebirge vollkommen kontrastklar auf, das ich bisher noch nie gesehen hatte. Der Blick auf die Mondkarte klärt mich auf, dass dies das Rümker-Gebirge ist, in meiner Karte allerdings hauptsächlich als Name und kaum als wirkliches Gebirge zu erkennen. Kein Wunder, dass ich diese Berge noch nie gesehen hatte. Bei dieser Lage des Terminators aber steht Rümker auffällig und völlig isoliert im Lavameer. Rümker ragt direkt aus seiner ebenen Umgebung heraus, ohne Bezug zu einem größeren Gebirgskomplex und erstreckt sich länglich in Nord-Süd Richtung. Er erinnert mich in seiner Form und isolierten Lage an den Kaiserstuhl, doch ist Rümker mit etwa 70 km Durchmesser viel größer und auch höher. Gemeinsam mit dem Kaiserstuhl hat er allerdings seinen vulkanischen Ursprung. Der Vulkan ist offensichtlich entstanden, als das Mare bereits bestand, und hat sich auf diesem aufgebaut. Einzigartig an Rümker als Mondvulkan ist, dass er aus mehreren Vulkandomen besteht und deshalb nicht den Eindruck eines einzelnen Vulkankegels, sondern eines ganzen Gebirges erweckt.
Ich setze meine Reise am Terminator entlang weiter in Richtung Süden fort, bis ich fast an der Südspitze des Mondes beim Krater Schickard wieder staune - eigentlich sogar perplex bin. Hier liegt ein Krater, der keiner ist - keiner sein kann! Auf seiner Ostseite zeigt der in westliche Richtung in den Krater hineinragende Schattenwurf des Randgebirges, dass es hier in den Krater hinab geht. Dies stimmt mit den umgebenden Kratern überein. Auf seiner Westseite zeigt dieser Krater aber nicht wie alle anderen ein hell beleuchtetes Randgebirge, also einen Anstieg aus dem Krater heraus. Statt dessen ist dort erneut ein Schattenrand zu sehen, deutlich und breit um den halben Umfang des Kraters herum. Das heisst allerdings, dass es hier erneut bergab geht und nicht bergauf. Wie kann denn das sein, ein Krater, der nicht tiefer ist als seine Umgebung, sondern höher, und damit eigentlich eine Hochebene darstellt oder eine Art Tafelberg, aber eben keinen Krater? Ich schlage im Mondatlas von Antonín Rükl nach und finde, dass dies der Krater Wargentin ist. Er ist der größte Vertreter eines seltenen Kratertyps, der bis an den Rand mit dunkler Lava aufgefüllt ist. Nach dem Einschlag des Himmelskörpers, der diesen Krater gebildet hat, muss es also von unten Lava in diesen Krater gedrückt haben, bis er randvoll war. Also umgekehrt, wie in der Badewanne, wo unten das Wasser herausläuft und nicht hinein? Und kaum war der Krater voll, hat jemand "das Wasser abgestellt", denn sonst wäre das Ganze ja übergelaufen? Und das bei einer Kratergröße von 84 km, während die umgebenden Krater Nasmyth, Phocylides und auf der anderen Seite auch Schickart sozusagen intakt bleiben. Phänomenal und eigentlich unvorstellbar.
Damit sind mir an diesem Abend zwei Besonderheiten auf dem Mond begegnet, die ich absolut nicht erwartet hatte.
Wargentin und Rümker sind auch mit kleineren Teleskopen leicht zu
finden und damit ebenfalls ein Genuss. Zudem ist die Tageszeit, in der
sie an der Tag-Nacht-Grenze sichtbar sind, sehr komfortabel, denn sie
sind beide wenige Tage vor Vollmond zu sehen. Das bedeutet aber, dass
der Mond an diesen Tagen aufgeht, kurz bevor die Sonne untergeht. Er
hat damit zur Beobachtungszeit am frühen Abend schon ordentlich
an Höhe über dem Horizont gewonnen. Zudem ist man selbst
noch nicht so müde, dass man eigentlich gar nicht mehr beobachten
mag. Man sollte wirklich öfter mal in den Mond gucken. Als
Reiseführer kann die Liste der "Lunar 100" von Charles A. Wood
dienen, in der exemplarisch 100 besonders interessante Objekte der
Mondoberfläche zusammengestellt sind. Das Rümker-Gebirge ist
in dieser Liste die Nummer 62, der Krater Wargentin die Nummer 43.
Ulrich Schüly
Quellen: