Im Dauerlauf durch die Nacht
Messier-Marathon 2004

Das Wetter war uns günstig gestimmt, der in den letzten Mitteilungen vorgestellte Messier-Marathon 2004 konnte am 17. März erstmals auch auf dem Schauinsland stattfinden. Unser Bild zeigt die fleißigen Beobachterinnen und Beobachter, die sich im Starhop den Weg zum nächten Messier-Objekt auf der Beobachtungsliste suchen oder sich ein Teepäuschen gönnen. Die Schneereste täuschen, wir hatten eine für die Jahreszeit außerordentlich warme Nacht. Kein scharfer Wind kühlte uns aus, nur der Dunst - aber davon mehr im folgenden Beitrag.

Im Rheintal herrschen schon seit einer halben Woche fast sommerliche Temperaturen und der Frühling hat mit 15 Grad auch den Schauinsland erreicht. Die Bedingungen für den Messier-Marathon sind heute dennoch alles andere als ideal. Leider hat die im Rheintal bei warmem Wetter übliche Dunstschicht den Aufstieg bis in über 1000 m Höhe geschafft und macht nun den nur 10 km Luftlinie entfernten Belchengipfel fast unsichtbar. Das ist natürlich äußerst schlecht, denn die ersten aufzusuchenden Messier-Objekte stehen nach der Abenddämmerung im Westen schon recht tief am Himmel und lassen dem Beobachter nur wenig Zeit, bevor sie untergehen. Durch die dicke Dunstschicht am Horizont wird diese Zeit weiter verkürzt. Dennoch werden wir die heutige Nacht wählen und keine andere, denn das Wetter wird nicht mehr lange halten und dann wird es in dieser Neumondphase wohl keine zweite Chance mehr geben. Das hieße, wir hätten den Marathon für dieses Jahr verpasst, denn nur im März steht die Sonne so, dass sie von der Erde aus gesehen keines der Messier-Objekte verdeckt und damit die Beobachtung aller Messiers in einer Nacht zulässt. Es ist daher gar keine Frage, dass wir die zweifelhaften Bedingungen in Kauf nehmen. Wir akzeptieren, bauen unsere Teleskope auf und das astronomische Unternehmen beginnt.

Für die ersten Objekte, Plejaden und Orionnebel, ist kein Teleskop notwendig. Es lohnt sich zu warten, bis sie für das freie Auge deutlich zu sehen sind, denn erst dann ist es so dunkel, dass man die Chance hat, schwächere Messier-Objekte im Teleskop zu sehen. Der Andromedanebel M31 ist einfach finden und auch seine Begleitgalaxie M32 kann ich recht schnell identifizieren. Beim weiteren Begleiter M110 muss ich allerdings schon passen. In einer üblichen Nacht ist M110 kein Problem, beim heutigen Dunst für mich und mein C5 (12,5 mm f/10 Schmidt-Cassegrain) allerdings doch. Nicht sicher gesehen bedeutet: aus der Beobachtungsliste gestrichen.

M33, die Triangulum-Galaxie, habe ich auf dem Schauinsland schon mehrfach ohne visuelle Hilfsmittel sehen können. Heute finde ich sie trotz Teleskop nicht. Sie steht zu kontrastarm im Dunst, wird also ebenfalls gestrichen. So ergeht es mir natürlich auch mit M74 und M77, die beim Messier-Marathon schon unter normalen Wetterverhältnissen schwierig sind. Leider muss ich auch M79 streichen, einen Kugelsternhaufen im Hasen, eigentlich recht hell, leicht zu finden und vor wenigen Tagen selbst am Freiburger Stadthimmel auffällig zu sehen. Heute aber nicht. Ich habe den Eindruck, der Dunst hat sich auf die Dämmerung aufhellend und verzögernd ausgewirkt. Alles liegt flau in einer Lichtglocke, die selbst in 30 Grad Höhe über dem Horizont noch lange erhalten bleibt. So entstehen in meiner Liste gleich zu Beginn fünf Streichungen. Dass es trotz der "Löcher in der Erfolgsliste" keinen Grund gibt, sich entmutigen zu lassen, bestätigt der weitere Verlauf der Beobachtungen. Ich habe vorläufig nur noch Sichtungserfolge zu verzeichnen.

Wir haben uns in der Gruppe auf einen gemeinsamen, aus einer Astro-Zeitschrift kopierten Beobachtungsplan geeinigt. Auf diese Weise können wir gut vergleichen, wie synchron wir durch den Gesamtprozess laufen. Die gemeinsame Liste erhöht außerdem die Wahrscheinlichkeit, dass an mehreren Teleskopen dasselbe Messier-Objekt eingestellt ist. So kann man schnell einmal zum Nachbarn springen und sich die Sache dort anschauen, wenn man selbst nichts gefunden hat, oder noch auf dem Weg ist.

In der ersten Phase des Messier-Laufs arbeitet man sich von den westlichsten Objekten ausgehend der Himmelsbewegung entgegen und holt diese ein, sodass der Zeitvorsprung gegen das Untergehen der Objekte immer größer wird. Glücklicherweise folgen nach den schwierigen Anfangsobjekten eine ganze Reihe schon im Fernglas gut sichtbarer Offener Sternhaufen wie M36, M37 und M38 im Fuhrmann. An dieser Stelle hat man eine gute Gelegenheit, Zeit aufzuholen, wenn man sich lange an den Anfangsobjekten die Zähne ausgebissen hat. Danach wendet sich der Blick in den tieferen Weltraum von der Milchstraße weg, und in der Beobachtungsliste folgt eine lange Reihe Galaxien im Löwen, im Großen Bären und natürlich in der Jungfrau.

Die Galaxien im Großen Bären stehen so nördlich, dass sie mir an meiner parallaktischen Montierung einige sportliche Verrenkungen abverlangen. Auf diese Weise tue ich, ob ich will oder nicht, beim Marathonlaufen auch noch etwas für mein Kreuz. Allerdings habe ich diese Rückengymnastik gern am Stück erledigt und bin nicht unserem Plan gefolgt, der nach M81/M82 flugs in die Gegenrichtung zu den Galaxien im Löwen schwenkt, um dann wieder für M109, M40 etc. in den Großen Bären zurück zu müssen.

Seltsam finde ich den Doppelstern in UMa, der als M40 geführt wird. Es ist eines der Objekte, die ich bisher noch nie angeschaut habe und ich wunderte mich nun, was daran flächig oder wie ein Komet aussehen könnte. Schließlich hat Messier seine Liste aus "nebligen" Objekten zusammengestellt, die er nicht mehr mit Kometen verwechseln wollte, auf deren Suche er eigentlich war. An dem Doppelstern erscheint mir aber auch wirklich gar nichts kometenhaft. Von Reiner erfahre ich die Auflösung des Problems. Messier war es wie mir ergangen, er hat an dieser Stelle auch nur den Doppelstern sehen können. Dennoch ließ er das Objekt in seiner Liste, da ihm von einer nebligen Aufhellung um die Sterne berichtet worden war.

Nach den Galaxien im Löwen und im Großen Bären durchlaufe ich den Virgohaufen und habe danach schon die Hälfte der Messier-Objekte absolviert. Gegen die Himmelsdrehung ist mein Vorsprung nun so weit angewachsen, dass ich mir eine längere Pause gönnen kann.

Nach der Ruhe gleich ein Schock. Reiner warnt, dass M83 schon wieder verschwindet. Es ist 1:00 Uhr und M83 wird erst in einer Stunde im Süden kulminieren, also seine höchste Position am Himmel erreichen. Aber wir haben Wald vor uns und M83 steht mit maximal 10 Grad Höhe so tief, dass diese Galaxie nur in einer kleinen Lichtung zwischen den Bäumen aufgesucht werden kann. Für mich zu spät, da ich meine Montierung eingenordet habe und nicht wegtragen möchte. Also gestrichen.

Gleich drei Objekte später wieder eine Niete. Ich finde M102 nicht. Eigentlich ist der Starhop von M101 aus gar nicht so schwer. Aber NGC 5866, die als M102 gilt, ist nicht sehr hell und ich finde sie heute nicht. Werden meine Augen schon müde? Wer weiß, ob Messier diese Galaxie überhaupt selbst gesehen hat. Schließlich gibt es auch die Vermutung, dass es sich bei M102 um eine Doppelbeobachtung von M101 handelt. Aber dann hätte sich Messier bei der Position um eine ganze Stunde in Rektaszension getäuscht...

Wir ziehen zum Parkplatz vor der Sternwarte um. Dort besteht zwar wegen des Schauinslandgipfels keine gute Sicht nach Westen, doch die brauchen wir jetzt auch nicht mehr. Statt dessen bietet sich hier der für den Morgen entscheidende offene Blick nach Osten und Südosten.

Im Marathon geht die Zeit der Galaxien zu Ende. Es folgen neben dem Ringnebel und dem Hantelnebel einige Offene Sternhaufen und vor allem Kugelsternhaufen (KSH). Am Beginn stehen gleich M5 und M13 mit dem Fernglas zur Erholung. Danach aber wird es immer schwieriger, der Reihe der KSH im Ophiuchus in Richtung Süden zu folgen. M107 und M9 sind noch gut zu finden. M19 ist gerade noch auszumachen, doch bei M62 muss ich wieder passen. Dieser KSH steht nur maximal 11 Grad über dem Horizont und hier hat mich der Dunst wieder eingeholt.

Das kann ja heiter werden, denn es gilt, noch eine ganze Menge südlicher Objekte im Skorpion und Schützen zu beobachten, die alle nicht höher als 20 Grad aufsteigen werden. Und ich kann mit bloßen Augen nicht einmal die Hauptsterne des Schützen sehen. Offensichtlich folgt jetzt ein Messier-Blindekuh-Spiel.

Doch die Situation ist nicht chancenlos, M4 im Skorpion ist sogar im Sucher schon zu sehen und M80 von dort aus erreichbar. Aber im Schützen? Mehr oder weniger durch "Stochern im Trüben" finde ich den Lagunennebel M8 und habe nun einen Anhaltspunkt. M20 und M21 sind von hier aus leichtes Spiel und beseitigen letzte Zweifel, dass das Objekt gerade eben wirklich der Lagunennebel war. Dann wieder zurück zu M8 und nach Osten für M28 und M22. Prima, dass neben beiden helle Sterngruppen stehen, die auf die richtigen Positionen deutlich hinweisen. Jetzt fügt sich die Messier-Gruppe im Schützen schon zum Gesamtbild zusammen, unterstützt durch die Erinnerung an meine früheren Besuche dieser Region. M25 wird durch Starhop von M22 aus gefunden, M24 steht gleich westlich daneben und ist von dort aus auch auffindbar. Von M24 aus werden in Richtung Norden M18, M17 und M16 identifiziert.

Und dann? Dann ist Schluss für mich. Selbst den hellen und recht hoch stehenden Kugelsternhaufen M15 im Pegasus finde ich nicht und für die weiteren Messiers, die alle nicht höher als 10 Grad über den Horizont steigen, gibt es keine Chance mehr.

Wirklich ein Glück, dass ich nicht schon im Schützen die Segel streichen musste. Damit konnte ich in dieser Nacht immerhin 88 der 110 Messier-Objekte erreichen. Bei gutem Wetter wären es vielleicht zehn Objekte mehr geworden, oder sogar noch mehr. Ich weiß es nicht, aber das ist auch nicht so wichtig. Den Versuch war es jedenfalls wert.

Und die Bilanz in der Gruppe? Zu Beginn der Nacht waren etwa acht Personen in den Marathon gestartet, viele aber nicht in der Absicht, ihn ganz zu absolvieren. Im Lauf der Nacht ist unsere Gruppe auch durch Besucher auf etwa ein Dutzend Personen angewachsen und wir hatten die angenehme Atmosphäre eines kleinen Teleskoptreffens. Bis in den nächsten Morgen sind vier Beobachter geblieben, hier die anderen drei Ergebnisse: Andreas Masche hat mit einem 20x100 Doppelrefraktor 99 Messier-Objekte erreicht, Björn Schumacher mit einem 20 cm f/4 Newton 57 und Reiner Vogel mit einem 14-Zoll f/5 Dobson über 100. Für die schlechte visuelle Grenzgröße dieser Nacht, die zu den besten Zeiten in den Zwillingen nahezu im Zenit deutlich unter 5m betragen hatte, sind dies äußerst respektable Erfolge.

Ulrich Schüly


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Last Update: 1. Mai 2004
Martin Federspiel