Linsenlose Schmidt-Kameras
Vier Varianten
Die Schmidt-Kamera geht auf den genialen Bernhard Schmidt zurück,
der sie Anfang der 1930er Jahre in Hamburg-Bergedorf entwickelt
hat. Diese Kamera ist wegen ihres extrem großen und komafreien
Bildfeldes berühmt. Die weltweit größte von ihnen
steht in Tautenburg nördlich von Jena. Sie hat einen 2-m-Spiegel
und eine "Schmidt-Platte" von 1,4 m Durchmesser. Erleichternd ist bei
Schmidt-Kameras, dass sie mit einem sphärischen Spiegel
auskommen. Berüchtigt sind sie - wie auch die
Schmidt-Cassegrainsysteme - wegen ihrer vertrackten
Schmidt-Platte. Notfalls geht es allerdings auch ohne diese Platte
("the poor man's Schmidt"), nur - wie zu erwarten - nicht umsonst. Die
förderliche Öffnung einer "linsenlosen Schmidt-Kamera" ist
wesentlich geringer, weil der Öffnungsfehler (sphärische
Aberration) unkorrigiert bleibt. Oder andersherum, man kann die
Öffnung an den zugelassenen Öffnungsfehler anpassen. Da es
sich um ein reines Spiegelsystem handelt, gibt es keinerlei
Farbfehler. Nachteilig ist hier wie bei den originalen Schmidt-Kameras
mit Platte, dass das Instrument doppelt so lang wie die Brennweite und
seine Bildfläche gekrümmt ist. Um letzterem abzuhelfen, kann
man entweder den Film auf eine gekrümmte Fläche spannen
(Beispiele 1 und 3), wie das meistens gemacht wurde. Oder man setzt
kurz vor den Fokus eine Bildebnungslinse (Beispiel 4).
Abb. 1: Schema der linsenlosen Schmidt-Kamera
Die vier nachfolgend vorgestellten Varianten haben alle eine
Brennweite von 1000 mm, die Blendenöffnungen betragen D = 100,
120 und 150 mm, was sich zunehmend auf den Öffnungsfehler
auswirkt. Bei allen Fällen sieht man, wie die Bildschärfe
bei größer werdendem Achsabstand vollständig erhalten
bleibt.
Zu den Durchstoßdiagrammen (Spotdiagrammen): Man denkt sich eine
große Anzahl von Lichtstrahlen, die gleichmäßig
verteilt die Eintrittsöffnung einer Optik treffen und rechnet sie
durch das optische System hindurch. Die Durchstoßdiagramme
zeigen dann, was aus dieser Verteilung im Fokus und in seiner Umgebung
geworden ist. Zu beachten ist hier, dass die Blende beim
Krümmungsmittelpunkt M des Spiegels steht und dass die
Bildfläche gekrümmt ist. Der Krümmungsmittelpunkt der
Bildfläche liegt ebenfalls im Krümmungsmittelpunkt M des
Spiegels, also im Zentrum der Blende.
1. Durchstoßdiagramme für 100/1000 (Öffnung/Brennweite)
Abb. 2: In der Mitte ist oben eine Scheibe mit D = 0,025 mm
(Filmauflösung, äußerer Kreis) dargestellt und das
Airy-Scheibchen (kleinstmögliches Beugungsscheibchen, innerer
Kreis). Das Zerstreuungsscheibchen einer Sternabbildung (dreimal
übereinander in der Mitte) ist auch bei 10° Achsabstand auf der
gekrümmten Bildfläche (R = -1000 mm) kleiner als das
Airy-Scheibchen und so rund, wie bei keinem anderen
Teleskop. Innerhalb und außerhalb des Fokus (rechts bzw. links
der Bildmitte) erkennt man die sphärische Unterkorrektur, die
hier aber noch nicht stört.
2. Durchstoßdiagramme für 120/1000 (Öffnung/Brennweite)
Abb. 3: Auch bei 120 mm Öffnung ist das Zerstreuungsscheibchen
noch kleiner als die Filmauflösung mit z.B. 0,025 mm. In diesem
Beispiel sieht man zusätzlich, wie das Zerstreuungsscheibchen auf
einer ebenen Bildfläche (Film, CCD) nach außen hin rasant
größer wird und wie der Fokus abseits der Achse nach
außen wandert (im Bild nach links). - Der axiale Fokus wurde in
der Graphik an den rechten Bildrand verlegt, damit der Fokus bei 3°
und 6° Achsabstand noch mit im Bild ist. In 6° Abstand liegt der Fokus
bereits 5,5 mm hinter der ebenen Bildfläche (bei einem Bildfeld
von unrealistischen 20 cm Durchmesser). Radius R = 0 steht hier
für unendlich (Konvention in Optikprogrammen).
3. Durchstoßdiagramme für 150/1000 (Öffnung/Brennweite)
Abb. 4: Bei 150 mm Öffnung ist das Zerstreuungsscheibchen
ca. 0,03 mm groß, aber nach wie vor auf der gesamten
gekrümmten (!) Bildfläche gleichmäßig rund.
4. "Linsenlose" Schmidt-Kamera mit Bildebnungslinse
Abb. 5:Damit man den Film nicht verbiegen muss, ist hier 2,7 mm vor dem
Fokus e ine Bildebnungslinse (Plankonvexlinse) eingefügt. Das nutzbare
ebene Bildfeld hat jetzt (unrealistische) 15° bzw. 25 cm Durchmesser
und ist damit immer noch nicht durch Bildfehler eingeschränkt. Die
durch die Linse eingeführten Farbfehler sind zu vernachlässigen (hier
nicht dargestellt).
Eine konkrete Realisierung wäre ein System 120/1000 mit einem
Planspiegel zum Auslenken und einem gängigen Fotoapparat. Hier
ist die linsenlose Schmidt-Kamera dem Parabolspiegel deutlich
überlegen. Bis 10 mm Bilddurchmesser liegen die
Zerstreuungsscheibchen bei beiden unter 0,025 mm. Bei 35 mm
Bilddurchmesser bleiben sie bei der Schmidt-Kamera immer noch unter
diesem Wert, beim Parabolspiegel sind es 0,1 mm.
Wenn sich jemand an einer linsenlosen Schmidt-Kamera versuchen will,
möge er die angegebenen Literaturstellen anschauen und sich bei
mir melden, damit die Daten an den konkreten Fall angepasst werden
können. Die Berechnungen wurden mit dem Optik-Pr ogramm MODAS
durchgeführt.
Literatur:
H. Rutten & M. van Venrooij, Telescope Optics, Willmann-Bell 1988,
S. 71, 78
K. Wenske, Spiegeloptik, Sterne & Weltraum Taschenbuch Nr. 7, 1978,
S. 91ff.
Lensless Schmidt Camera, Sky & Telescope, May 1974, 333-337
Weitere Literatur, auch Bauanleitungen über Google "Lensless
Schmidt"
Karl-Ludwig Bath
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Last Update: 2. Januar 2006
Martin Federspiel (e-mail: clearskies"at"sternfreunde-breisgau"punkt"de)