Himmlische Überraschung

Kometen sind immer für Überraschungen gut. Jüngstes Beispiel: der Komet Ikeya-Zhang. Die Entdeckungsgeschichte zeigt einmal mehr, dass auch im Zeitalter ständiger Himmelsüberwachung durch leistungsstarke Kameras, die den Himmel nach bedrohlichen Asteroiden oder nach Supernovae absuchen, die beharrliche Arbeit von Amateuren keineswegs überflüssig ist.

Dieses Mal waren die beiden Amateurastronomen Kaoru Ikeya (Japan) und Daqing Zhang (China) erfolgreich. Mit ihren lichtstarken Spiegelteleskopen machten sie sich unabhängig voneinander am 1. Februar 2002 nach Sonnenuntergang auf die Suche. Im Sternbild Walfisch stießen sie auf ein Nebelfleckchen etwa 9. Größe, das sie dort noch nie gesehen hatten. Dann kam vermutlich der Vergleich mit einem Sternatlas, der bestätigte, wovon viele fleißige Amateurastronomen träumen: Das unbekannte Objekt war keine bekannte Galaxie, kein Planetarischer Nebel usw. - es musste ein Komet sein! Aber vielleicht war er ja schon von jemand anderem entdeckt worden. Noch am 1. Februar kam die erlösende Nachricht vom Central Bureau for Astronomical Telegrams in Cambridge/USA, dass der Komet bislang unentdeckt geblieben war. Er erhielt den offiziellen Namen C/2002 C1 Ikeya-Zhang. Für Kaoru Ikeya war das beglückende Gefühl, einen Kometen entdeckt zu haben, nicht neu. Schon in den 60er Jahren hatte er mehrere Kometen entdeckt, darunter auch den sehr spektakulären Kometen Ikeya-Seki, der 1965/66 für Furore sorgte.

In den Tagen nach der Entdeckung stieg die Helligkeit des Kometen Ikeya-Zhang bald überdurchschnittlich schnell an. Das war ein Grund zur Hoffnung, denn eine erste Bahnrechnung zeigte, dass er sich der Sonne im März bis auf etwa 0.5 AE (76 Mio. km) nähern und Ende April mit 0.4 AE (61 Mio. km) den kleinsten Erdabstand erreichen würde. Und das wichtigste: Er sollte in den kommenden Monaten zunächst am Abendhimmel kurz nach Sonnenuntergang und ab Mitte April dann am Morgenhimmel ununterbrochen sichtbar sein.

Aufnahme des Kometen C/2002 C1 Ikeya-Zhang am Abend des 29. März 2002 von Andreas Masche. Gesamtbelichtungszeit: 13 Minuten. Instrument: 10 cm-Pentax-Refraktor f/4 mit ST-10E CCD-Kamera. Aufnahmeort: Freiburger Innenstadt. Man beachte den geraden Gasschweif und den nach oben abbiegenden Staubschweif. Diese sowie weitere Aufnahmen des Kometen finden sich auf den Internetseiten von Andreas Masche: http://www.ccd-astronomie.de.

Der unerwartet starke Helligkeitsanstieg war kein Strohfeuer von wenigen Tagen, sondern hielt weiter an. Und diesmal spielte auch das Wetter mit. So legten sich die Kometenfans abends auf die Lauer, sobald die Dämmerung den Blick auf den Sternenhimmel freigab. Was sie da mit ihren Feldstechern und kleinen Fernrohren sehen konnten, beeindruckte durchaus: einen hellen und fast sternförmigen Kern, umgeben von einer auffälligen Nebelhülle, der sogenannten Koma, und - nachdem es richtig dunkel war - einen bis zu drei Grad langen Schweif. Dieser Schweif war zunächst scharf gebündelt (Gasschweif?) und fächerte ab Mitte März ein Stück weit auf (Staubschweif?). Mit dem bloßen Auge war der Komet immerhin als schwaches Nebelfleckchen 3. bis 4. Größe erkennbar, wenn man wusste, wo er stand.

Auch für die Astrofotografen war Komet Ikeya-Zhang ein dankbares Objekt, wie die Bilder von Andreas Masche, Achim Schaller und Carolin Tomasek eindrucksvoll zeigen.

Komet Ikeya-Zhang war zwar bei weitem nicht so spektakulär wie Hale-Bopp vor fünf Jahren, aber doch überdurchschnittlich hell und gut zu beobachten. Nachdem auch die Presse Wind von Ikeya-Zhang bekommen hatte, erreichten uns einige Anfragen, wann und wo man den Schweifstern bitte schön mal sehen könne. Um Ostern herum, als der Komet mit größter Helligkeit leuchtete, gab es eine stabile Schönwetterlage, die uns eine öffentliche Beobachtung mit vorheriger Ankündigung in den Medien wagen ließ.

Am Abend des 5. April war es dann soweit: Auf dem Parkplatz in der Nähe des Hotels Die Halde auf dem Schauinsland fanden sich trotz des kalten und böigen Ostwindes neben Lutz Bath, Martin Federspiel, Andreas Masche, Ana Nunez-Ruiz und Ulrich Schüly von den Sternfreunden gut ein Dutzend Interessenten und eine Reporterin von SWR4 ein, um den Kometen durch die mitgebrachten Instrumente zu beobachten. Dieser Ort hat schon Kometenbeobachtungstradition. Von gleicher Stelle aus hatten wir mit ca. 1000 Neugierigen am Ostermontag 1997 den Kometen Hale-Bopp beobachtet. Auch dieses Mal wurden die Besucher nicht enttäuscht, wie einige Tage später auch auf SWR4 zu hören war: Im 20 cm-Spiegelfernrohr konnten sie den Kometenkopf mit Kern und Koma aus der Nähe betrachten, die Feldstecher und Kometensucher zeigten den ausgedehnten Schweif besonders deutlich. Eindrucksvoll war auch der Vergleich des Kometen mit dem gleichzeitig im Feldstecher sichtbaren Andromedanebel. Zum Abschluss durfte natürlich ein Blick auf einige weitere Highlights am Himmel nicht fehlen: Jupiter, Saturn, Orionnebel, Plejaden.

Bahn des Kometen Ikeya-Zhang von Mitte April bis Mitte Juni 2002. Das Format der Datumsmarken ist Monat/Tag/Jahr. (Grafik erstellt mit XEphem 3.5)

Im April und Mai zieht Ikeya-Zhang allmählich schwächer werdend von der Cassiopeia weiter durch den südlichen Cepheus, den Drachen, den Herkules (am 16. Mai unweit an M 13 vorbei), die Nördliche Krone in den Schlangenkopf (siehe Aufsuchkarte). Ab Juni benötigt man wieder ein Fernrohr, um den Kometen als Nebelfleckchen 10. Größe auf seinem Rückzug in die Tiefen des Sonnensystems zu verfolgen.

In den letzten 10 Jahren sind wir mit einigen helleren Kometen verwöhnt worden. Was in der Sammlung außergewöhnlicher Himmelserscheinungen jetzt noch fehlt, ist eine spektakuläre Supernova in Sichtweite in unserer Milchstraße. Statistisch gesehen ist sie längst überfällig, denn die letzten beiden wurden von Tycho Brahe 1572 und Johannes Kepler 1604 gesichtet. Kandidaten aus dem Kreis der Roten Überriesen gibt es genug: Beteigeuze, Antares, ...

Martin Federspiel


Zurück zur Hauptseite der Sternfreunde Breisgau
Last Update: 25. April 2002
Martin Federspiel