Sternfreunde entdecken unbekannte Mondberge bei der streifenden Bedeckung von eta Geminorum durch den Mond

Da haben wir ausnahmsweise mal Glück gehabt: In der Nacht vom 31. März auf den 1. April 2001 hatte nicht nur unser neues 50-cm-Dobson-Teleskop Premiere auf dem Schauinsland (siehe den Beitrag von Carolin Tomasek), sondern auch die streifende Bedeckung von eta Geminorum durch den Mond konnte von Frankreich aus erfolgreich beobachtet werden.

Bei den letzten Versuchen, eine streifende Sternbedeckung durch den Mond zu verfolgen, waren die Sternfreunde Breisgau nicht gerade vom Wetter verwöhnt worden. Mehrmals hatten wir mit erheblichem Aufwand Beobachtungskampagnen organisiert, um schließlich unter Wolken zu stehen, die unerwartet aufgezogen oder nicht rechtzeitig verschwunden waren. Doch diesmal sollte alles ziemlich glatt gehen.

Bei einer streifenden Sternbedeckung zieht der Mond für den Beobachter so an einem Stern vorbei, dass der Stern manchmal für kurze Zeit hinter Mondbergen in der Nähe des Mondnord- oder -südpols verschwindet, zwischendurch aber immer wieder durch ein Mondtal hindurchleuchtet. Von den Mondbergen und -tälern ist im Fernrohr aber kaum etwas zu sehen, denn dazu ist das Auflösungsvermögen erdgebundener Fernrohre und die Luftunruhe meist zu schlecht. Man sieht nur den Stern - oder eben nicht. Aus den gemessenen Bedeckungszeiten läßt sich das Mondrandprofil im Bedeckungsbereich dann mit großer Genauigkeit rekonstruieren - und genau das ist das Ziel der Beobachtung solcher Ereignisse.

Bedeckungen heller Sterne sind selten. Die "Streifende" des 3.5 mag hellen Sterns eta Geminorum war deshalb ein besonderer Leckerbissen, für den schon mal etwas mehr Aufwand getrieben wird. Die Grenzlinie verlief etwa 90 km Luftlinie von Freiburg entfernt in der Nähe von Belfort/Montbéliard/Audincourt in Frankreich. Einige Wochen vor der Bedeckung hatte Martin Federspiel das Gelände nach günstigen Beobachtungspositionen ausgekundschaftet und einige Stationen in der Nähe des kleinen Dörfchens Vandoncourt ausgesucht und vermessen (siehe Beobachtungsaufruf). Wichtig ist, dass möglichst viele Beobachter von unterschiedlichen und genau bekannten Standorten aus das Ereignis registrieren. Jeder Beobachter sieht nämlich einen etwas anderen Schnitt durch das Mondrandprofil und erst die Gesamtheit aller Beobachtungen von den verschiedenen Standorten erschließt das Mondrandprofil mit seinen Details.

Schließlich hatten sich sieben Beobachter auf den mehr oder weniger weiten Weg nach Frankreich gemacht: Die weiteste Anreise hatte Dr. Eberhard Bredner aus Ahlen-Dolberg (Münsterland), seit Jahren äußerst aktiver Beobachter von Sternbedeckungen durch den Mond. Weitere auswärtige Beobachter waren Wolf-Peter Hartmann aus Regensburg und Martin Quaiser aus Bad Nauheim. Von den Sternfreunden Breisgau nahmen Karl-Ludwig Bath, Martin Federspiel, Ana Nuñez-Ruiz und Ulrich Schüly teil.

Um 19.30 Uhr versammelten wir uns zunächst am vereinbarten Treffpunkt, um kurz darauf die Stationen zu beziehen. Die Zirren, die uns am Nachmittag noch Sorgen bereitet hatten, lösten sich mehr und mehr auf. Zwei Stationen lagen nahe bei Wohnhäusern. Dank Ulis Französischkenntnissen konnten wir den Anwohnern verständlich machen, dass wir es nicht auf ihr Hab und Gut, sondern auf den Mond abgesehen hatten. Bei der Station von Eberhard Bredner konnten wir die Anwohner nicht mehr verständigen: Er stand auf dem Friedhofsparkplatz. Bei Ana Nuñez' Station half Französisch nicht viel weiter: Die "Bewohner" der Wiese waren ruhig und nett, ziemlich dick und hatten eine Glocke um den Hals.

Während die letzten Farben der stimmungsvollen Abenddämmerung verblassten, wurde die mitgebrachte Ausrüstung aufgebaut und betriebsbereit gemacht (Teleskope, z.T. mit Videoausrüstung, Zeitzeichenempfänger, Diktiergeräte etc.).

Kurz nach 23 Uhr MESZ hatte sich der Mond dann programmgemäß dem Stern genähert. Welch ein Anblick: der helle gelblich-orange Stern in der Nähe des dunklen Mondrandes auf dem Weg zur zerklüfteten beleuchteten Nordspitze des Fast-Halbmondes. Die eigentliche Beobachtung konnte beginnen.

Ana Nuñez hat es so erlebt: "All dies und die Tatsache, dass das Wetter das erste Mal mitspielte, machte diese Exkursion für mich zu einem sehr spannenden Abenteuer. Nachdem ich den Stern in meinem C90 dreimal verschwinden und wieder auftauchen sah, verstand ich, was eine Bedeckung so interessant macht. Es war mir unmöglich, das Mondrandprofil zu sehen und trotzdem war der Stern mehrmals verschwunden, was auf ein bergiges Profil hindeutet. Mich packte ein Gefühl der Bewunderung des Schönen und Erhabenen (nach Kant)."

Auch die meisten anderen Beobachter konnten Mehrfachbedeckungen vermelden. Martin Quaiser hatte ebenfalls 6 Kontakte gesehen, Martin Federspiel acht (Kontakt = Verschwinden oder Wiederauftauchen des Sterns). Karl-Ludwig Bath strahlte: Er konnte sogar 18 Kontakte mit seiner Video-Kamera in ausgezeichneter Qualität festhalten. Trotz plötzlich ausgefallener automatischer Nachführung gelang es Eberhard Bredner, 18 Kontakte bei großer Brennweite manuell nachgeführt mit der Videokamera aufzunehmen. Wolf-Peter Hartmann konnte von seinem Standpunkt aus den Stern immer sehen, vielleicht einmal kurz abgeschwächt. Uli Schüly hatte den undankbarsten Beobachtungsplatz erwischt und - fast wie erwartet - keine Bedeckung gesehen. Das ist gleichwohl eine äußerst wichtige Information: So weiß man, wie weit die höchsten Bergspitzen maximal reichen. Außerdem war bei der Berechnung der Bedeckung die Zone, in der mehrfache Bedeckungen zu erwarten waren, nur mit einer Unsicherheit von einigen hundert Metern im Gelände vorhersagbar. Um das Mondrandprofil auch im Falle einer Verschiebung ganz abdecken zu können, war es sinnvoll, dass Uli von diesem Platz aus beobachtet hat.

Der Erfolg wurde noch kurz mit einem Gläschen (naja Becherchen) Sekt und Rotwein gefeiert, bevor wir gegen 1 Uhr die Heimreise antraten.

Am nächsten Tag war im Internet zu lesen, dass auch zwei weitere Expeditionen (eine bei Paris und eine in Italien) diese außergewöhnliche Bedeckung gesehen hatten. Jetzt müssen die gewonnenen Daten erst mal ausgewertet werden. Vor allem die Videoaufnahmen sind sehr vielversprechend: Der Stern verschwindet meist nicht von einem Einzelbild zum nächsten, sondern allmählich über einige Bilder verteilt. Das hat damit zu tun, dass der Stern ein roter Riesenstern und ein enger Doppelstern ist. Wir planen, die Ergebnisse aller Beobachtungen im Herbst bei einem Sternfreundeabend vorzustellen.

Für's erste können wir einen Blick auf das aus den Beobachtungen bei Montbéliard grob rekonstruierte Mondrandprofil werfen (siehe Abbildung). Direkt am Nordpol (bei 360 Watts-Winkel auf der x-Achse) und westlich davon liegt die Mondoberfläche unter dem mittleren Niveau. Nach Osten gibt es auch Erhebungen über den mittleren Mondrand. Großräumig folgt das rekonstruierte Mondrandprofil dem bei anderen Bedeckungen abgeleiteten ACLPPP-Profil. Lokal ergeben sich aber größere Abweichungen. Durch unsere Messungen treten zahlreiche, vorher unbekannte Details hervor. Die Monberge sind in Wirklichkeit jedoch nicht so steil und spitz, wie sie in der Abbildung erscheinen. Um die Informationen in der Vertikalen überhaupt darstellen zu können, wurde der Maßstab dort 17fach gegenüber der Horizontalen überhöht.

Wenn auch noch die Beobachtungen der anderen Gruppen berücksichtigt werden, kann das Profil weiter verfeinert und der Interpretationsspielraum eingeschränkt werden. Damit ist diese streifende Sternbedeckung eine der am besten beobachteten in Europa überhaupt - man darf auf die weiteren Ergebnisse gespannt sein.

Martin Federspiel und Ana Nuñez-Ruiz


Nachtrag am 9. April 2014:

Folgendes Video von Lutz Bath zeigt die streifende Bedeckung aufgenommen aufgenommen durch sein C11. Es sind insgesamt neun Bedeckungen zu sehen inklusive zweier Blinks. Videodatei


Link zur Projektbeschreibung auf der Homepage