Im Welzheim der römischen Antike

Welzheim bietet dem - geistig - in ferne Welten Reisenden außer der Sternwarte noch ein weiteres Ziel: Hier verlief einst der Limes, die Nordgrenze des römischen Reiches zu den Germanen. Schon tags zuvor war uns in der bewaldeten Hügellandschaft nahe Welzheim ein wieder aufgebauter Wachturm aufgefallen, der einst zu den Limesanlagen gehört hat. Auf der Tagesordnung stand das Thema für uns aber erst am Sonntagvormittag. Wohlweislich waren wir nicht ganz unvorbereitet angereist. Wie sollten wir uns sonst erklären, was die Römer in dieser Gegend gesucht hatten?

Nun, aus der kleinen Bauernsiedlung in Mittelitalien hatte sich im Verlaufe von Jahrhunderten längst das Weltreich des Imperium Romanum entwickelt, mit dem römischen Kaiser an der Spitze. Es erstreckte sich (117 n. Chr.) von Portugal bis Persien und von Britannien bis Ägypten. Nachdem Caesar die Verhältnisse in Gallien (heute Frankreich und Belgien) hatte stabilisieren können, richtete sich Roms Interesse auf Gebiete, die Germanien genannt wurden, doch insgesamt ohne wirklich durchschlagenden Erfolg. Die Römer hatten schon früher schlechte Erfahrungen mit Germanen gemacht, und auch Kaiser Augustus (27 v. Chr.-14 n. Chr.) musste feststellen, dass mit diesen Leuten nicht gut Kirschen essen war. Er beschloss kurzerhand, das Römische Reich bis an die Elbe auszudehnen. Doch nach der Varus-Schlacht ("Schlacht im Teutoburger Wald") 9 n. Chr., die mehr als 20.000 römische Soldaten das Leben kostete, musste Rom diesen Plan praktisch begraben.

Ruhe gab es trotzdem nicht. Jahrhundertelang ging der Hickhack weiter - immer wieder Übergriffe von germanischer Seite oder auch Aufstände, von den Römern Strafexpeditionen oder sogar regelrechte Feldzüge. Große Probleme bereitete ihnen, dass es keinen germanischen Staat gab oder sonst eine dominierende Macht. Auch wenn es ihnen gelang mit einigen germanischen Stämmen Verträge zu schließen, fühlten sich andere Germanengruppen natürlich nicht daran gebunden. In den achtziger Jahren führte Kaiser Domitain (81-96) Krieg gegen die Chatten in Hessen, richtete danach die römischen Provinzen Germania Superior und Germania Inferior ein, Ober- und Untergermanien. Das mag in Rom manchen beruhigt haben, in Wahrheit wurde der weitaus größte Teil Germaniens (Germania Magna) überhaupt nicht berührt.

Kaiser Trajan (98-117) im Jahre 98 war es wohl, der zukunftsweisend beschloss, die römische Grenze zwischen Rhein und Donau nach Norden zu verschieben und das umfangreiche Limes-Grenzsicherungssystem zu errichten. Grenzkorrekturen gab es etwa 122 unter Kaiser Hadrian (117-138) zwischen Neckar und Donau, zuletzt 159 unter Kaiser Antoninus Pius (138-161) beim Odenwald, jeweils um ca. 25, 30 Kilometer. Während der Markomannenkriege 167-180 konnte Kaiser Mark Aurel (161-180) in vier Feldzügen zwar einige Germanenstämme schlagen, ein endgültiger Sieg war das jedoch nicht. Durch die Wanderungen der Goten und der Wandalen nahm der Druck auf die Römer im Gegenteil eher zu. Kaiser Commodus (180-192) versuchte die Lage durch Friedensverträge mit immer mehr Germanenstämmen zu retten. Doch mit der aufkommenden Völkerwanderung konnte der Limes die herandrängenden Menschenmassen nicht mehr aufhalten.

Schlimmer noch, das Imperium Romanum geriet im 3. Jahrhundert in eine innere Krise: Die Römer konnten weder den Übergriffen der Perser im Osten des Reiches noch den Germanen im Norden wirkungsvoll entgegentreten. Zu alledem erwuchs den Römern im grenznahen Gebiet ein besonderer Gegner, die Alamannen, mit denen es immer wieder Auseinandersetzungen gab. Besonders gravierend waren die "Alamannenüberfälle" von 233/234 und gar um 260, dessen Brandspuren wir in der Nähe von Freiburg noch heute sehen können. Diese letzten Angriffszüge bedeuteten zugleich das Ende römischer Herrschaft in Germanien.

Damit fiel auch der Limes. Doch was war eigentlich der Limes, größtes Bodendenkmal Europas, das die UNESCO 2005 als Weltkulturerbe anerkannt hat? Keineswegs eine Abwehranlage wie die Chinesische Mauer und schon gar nicht so unüberwindlich wie die Befestigungen an der ehemaligen DDR-Grenze. Zunächst einmal drückte er den Stolz der Römer aus und bedeutete das psychologische Signal: "Im Unterschied zu Eurem unzivilisierten Barbarenland beginnt hier das Imperium Romanum!" Besuche, Austausch und Handel über den Limes hinweg behinderte er kaum, lenkte sie aber über bestimmte Passierstellen, wo die Römer Menschen- und Warenströme kontrollieren und Zölle erheben konnten. Allerdings wurde der Limes immer mehr auch zu einem Schutzsystem gegen Germaneneinfälle. Am Ende erstreckte er sich vom Norden Englands ("Hadrianswall") über ganz Mitteleuropa bis zum Schwarzen Meer.

Auf deutschem Boden ist der Limes rund 548 km lang und beginnt an der Nordsee. Für uns war der mittlere Abschnitt von Belang, der Obergermanische Limes. Dieser zieht bei Rheinbröhl (nördl. Rheinland-Pfalz) zunächst in Richtung Osten, knickt dann scharf nach Süden ab und geht über Welzheim bis Lorch. Dort wendet er sich wieder nach Osten und verläuft mit einer Mauer versehen als Rätischer Limes bis zur Donau bei Regensburg. Während die ältesten Teile des Limes bis in das Jahr 73 zurückreichen, war der Limesabschnitt bei Welzheim etwa in der Zeit von 150-260 in Funktion.

Die Anfänge des Limes waren recht einfach. Ab 98 wurden in die dichten Wälder Schneisen geschlagen, in denen kleine Trupps römischer Soldaten patroullierten. Sie erschwerten marodierenden Germanengruppen Überfälle auf römisches Gebiet und schnitten ihnen Rückzugswege ab. Einige Jahre später wurden etwa zehn Meter hohe, von Erdwällen umgebene Wachtürme aus Holz errichtet, die bei einem mittleren Abstand von 800 Metern in Sichtweite zueinander standen. Rund dreißig Jahre danach wurde der Obergermanische Limes mit einer Palisade aus halbierten Eichenstämmen befestigt. Um 170 wurden die inzwischen baufälligen hölzernen Türme durch solche aus Stein und die verwitterte Holzpalisade durch Wall und Graben ersetzt.

Der Limes wurde zu einem komplexen System mit immerhin etwa 900 Wachtürmen sowie 60 größeren und 60 kleineren Kastellen, in denen ungefähr 40.000 Soldaten ihren Dienst versahen. Im römischen Hinterland bestand ein Netz von Militärstützpunkten und zivilen Versorgungseinrichtungen. Hinter den Wachtürmen gab es im Abstand von meist etwa zehn Kilometern kleinere Kastelle für Auxiliartruppen (Hilfstruppen), die 10-20 Mann Wachturmbesatzung stellten und von dieser in Notfällen benachrichtigt wurden. Ab 150 wurden die Kastelle auch aus Stein erbaut. Bei Bedarf konnten sie vom Legionskastell in der Provinzhauptstadt Verstärkung anfordern.

Die Situation In Welzheim war etwas untypisch. Obwohl der heute dort nicht mehr sichtbare Grenzwall wohl am jetzigen östlichen Stadtrand verlief, gab es hier direkt am Limes mehrere Kastelle: Im Norden Welzheims das Kleinkastell Rötelsee, innerhalb der heutigen Stadt das Ostkastell mit dem wohl ursprünglich aus Wales stammenden Numerus Brittonum L, wenige hundert Meter westlich davon das Westkastell mit der Ala I Scubulorum. Das Hauptkontingent dieser ala hatte seinen Standort vermutlich in der damaligen Bezirkshauptstadt (heute Stuttgart-Bad Cannstadt). Wie bei anderen Kastellen gab es in Welzheim zwischen den beiden größeren Kastellen eine kleine zivile Siedlung, einen vicus, in dem Angehörige der Soldaten lebten, aber auch Händler, Handwerker, Gastwirte und andere für die Versorgung und Unterhaltung der Truppe.

Unser Plan, die Gegenwart dieser Vergangenheit in Augenschein zu nehmen, schien unter keinem guten Stern zu stehen. Regen schon vor 7 Uhr morgens, ja nun. Aber der Regen blieb - 8 Uhr, 9 Uhr, 10 Uhr, nichts als Regen. Doch wir waren hartnäckiger, vor allem waren wir verabredet, mit einem Limes-Cicerone. Die Bedeutung "Führer" dieses italienischen Ausdrucks ist wörtlich zu nehmen. Entlang des Limes gibt es unter diesem Namen einen Verein, der sich für den Schutz der Limesreste einsetzt und in den einzelnen Orten Führungen zu den antiken Stätten anbietet. Mit dem in Welzheim tätigen Cicerone Markus Schaaf hatten wir im Vorfeld eine Führung ab 10.30 Uhr abgesprochen. Er ist eigentlich kein echter Römer, immerhin studiert er in Tübingen Latein. Mit Kettenhemd und Helm zünftig in der Uniform eines römischen Soldaten begrüßte er uns am Westtor des Ostkastells.
Im Inneren brachte M. Schaaf uns erst einmal vor dem Regen in Sicherheit, der dann aber nachließ und später ganz aufhörte. Wir lauschten seinen Ausführungen zum historischen Umfeld der Welzheimer Limesanbauten und den aufschlussreichen Erläuterungen zu Konstruktion und Aufgaben der Kastelle in Welzheim. Modelle und Nachbildungen brachten uns die Ausrüstung und Einiges an Militärtechnik der römischen Soldaten näher. Der anschließende Rundgang führte uns in den Archäologischen Park auf dem Gelände des ehemaligen Ostkastells. Hier erfuhren wir, mit welchen Gerätschaften und Techniken es den Römern gelang, ihre Kastelle nach den Himmelsrichtungen zu orientieren. Besondere Aufmerksamkeit fand ein Steinblock vom nicht mehr sichtbaren Westkastell, nämlich vom Treppenabgang zu einem kleinen Heiligtum und der Schatzkammer, einer Art Tresorraum. Ein imposantes Steinrelief mit der Darstellung des Lichtgottes Mithras fand nicht minder großes Interesse. Das Band der Tierkreiszeichen wölbt sich in einem Bogen über seinem Haupt (Original der Platte aus Osterburken, jetzt im Bad. Landesmuseum, Karlsruhe).

Auf dem Gelände ist außerdem der große römische Brunnen wieder aufgebaut, der zahlreiche zum Teil recht gut erhaltene lederne Schuhe und Sandalen aus römischer Zeit barg. Die Kopien von Statuen und weiteren Fund- stücken aus anderen Römerorten ließen wir weitgehend unbeachtet. Statt dessen begaben wir uns auf eine kleine Wanderung zu dem rund 1.500 Meter entfernten, etwas versteckt liegenden Kleinkastell Rötelsee. Trotz neuerlichen Regens vermittelten die sachkundigen Erklärungen von M. Schaaf, auch die zahlreichen Erläuterungstafeln ein anschauliches Bild von Aussehen und Funktion dieses kleinen Römerlagers.

Wieder zurück beim Ostkastell, wo auch unser Bus parkte, begaben wir uns nach diesen Erleben römischer Kultur in unserem Land unmittelbar auf die Rückfahrt über Stuttgart, die Autobahn Richtung Singen bis etwa Donaueschingen und durch das Höllental. Nach ruhiger Fahrt gelangten wir gegen 17.00 Uhr vor die Tore Freiburgs. Vor der endgültigen Heimkehr setzten sich die meisten Ausflugsteilnehmer im Gasthaus "Zu den Zwei Tauben" in Falkensteig noch zu gemütlicher Runde zusammen, um die vielfältigen Eindrücke aus der Sternen- und aus der Römerwelt Revue passieren zu lassen. Der Dank jedoch gilt unserem Mitglied Jürgen Gottschall, der den Bus beschafft und uns sicher gefahren hat. Ohne ihn hätte dieser gelungene Ausflug so nicht stattfinden können. Ihm herzlichen Dank wie auch allen anderen Organisatoren! Dieser Erfolg sollte Mut machen für ähnliche Unternehmungen vielleicht nicht erst in zwölf Jahren.

Klaus Benthin

P. S.: Neben den offiziellen Seiten und Wikipedia empfehle ich hier aus dem Internet:


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Last Update: 19. September 2008
Martin Federspiel (e-mail: clearskies"at"sternfreunde-breisgau"punkt"de)