Nun, aus der kleinen Bauernsiedlung in Mittelitalien hatte sich im
Verlaufe von Jahrhunderten längst das Weltreich des Imperium
Romanum entwickelt, mit dem römischen Kaiser an der Spitze. Es
erstreckte sich (117 n. Chr.) von Portugal bis Persien und von
Britannien bis Ägypten. Nachdem Caesar die Verhältnisse in
Gallien (heute Frankreich und Belgien) hatte stabilisieren
können, richtete sich Roms Interesse auf Gebiete, die Germanien
genannt wurden, doch insgesamt ohne wirklich durchschlagenden
Erfolg. Die Römer hatten schon früher schlechte Erfahrungen
mit Germanen gemacht, und auch Kaiser Augustus (27 v. Chr.-14 n. Chr.)
musste feststellen, dass mit diesen Leuten nicht gut Kirschen essen
war. Er beschloss kurzerhand, das Römische Reich bis an die Elbe
auszudehnen. Doch nach der Varus-Schlacht ("Schlacht im Teutoburger
Wald") 9 n. Chr., die mehr als 20.000 römische Soldaten das Leben
kostete, musste Rom diesen Plan praktisch begraben.
Ruhe gab es trotzdem nicht. Jahrhundertelang ging der Hickhack weiter - immer wieder Übergriffe von germanischer Seite oder auch Aufstände, von den Römern Strafexpeditionen oder sogar regelrechte Feldzüge. Große Probleme bereitete ihnen, dass es keinen germanischen Staat gab oder sonst eine dominierende Macht. Auch wenn es ihnen gelang mit einigen germanischen Stämmen Verträge zu schließen, fühlten sich andere Germanengruppen natürlich nicht daran gebunden. In den achtziger Jahren führte Kaiser Domitain (81-96) Krieg gegen die Chatten in Hessen, richtete danach die römischen Provinzen Germania Superior und Germania Inferior ein, Ober- und Untergermanien. Das mag in Rom manchen beruhigt haben, in Wahrheit wurde der weitaus größte Teil Germaniens (Germania Magna) überhaupt nicht berührt.
Kaiser Trajan (98-117) im Jahre 98 war es wohl, der zukunftsweisend beschloss, die römische Grenze zwischen Rhein und Donau nach Norden zu verschieben und das umfangreiche Limes-Grenzsicherungssystem zu errichten. Grenzkorrekturen gab es etwa 122 unter Kaiser Hadrian (117-138) zwischen Neckar und Donau, zuletzt 159 unter Kaiser Antoninus Pius (138-161) beim Odenwald, jeweils um ca. 25, 30 Kilometer. Während der Markomannenkriege 167-180 konnte Kaiser Mark Aurel (161-180) in vier Feldzügen zwar einige Germanenstämme schlagen, ein endgültiger Sieg war das jedoch nicht. Durch die Wanderungen der Goten und der Wandalen nahm der Druck auf die Römer im Gegenteil eher zu. Kaiser Commodus (180-192) versuchte die Lage durch Friedensverträge mit immer mehr Germanenstämmen zu retten. Doch mit der aufkommenden Völkerwanderung konnte der Limes die herandrängenden Menschenmassen nicht mehr aufhalten.
Schlimmer noch, das Imperium Romanum geriet im 3. Jahrhundert in eine innere Krise: Die Römer konnten weder den Übergriffen der Perser im Osten des Reiches noch den Germanen im Norden wirkungsvoll entgegentreten. Zu alledem erwuchs den Römern im grenznahen Gebiet ein besonderer Gegner, die Alamannen, mit denen es immer wieder Auseinandersetzungen gab. Besonders gravierend waren die "Alamannenüberfälle" von 233/234 und gar um 260, dessen Brandspuren wir in der Nähe von Freiburg noch heute sehen können. Diese letzten Angriffszüge bedeuteten zugleich das Ende römischer Herrschaft in Germanien.
Damit fiel auch der Limes. Doch was war eigentlich der Limes, größtes Bodendenkmal Europas, das die UNESCO 2005 als Weltkulturerbe anerkannt hat? Keineswegs eine Abwehranlage wie die Chinesische Mauer und schon gar nicht so unüberwindlich wie die Befestigungen an der ehemaligen DDR-Grenze. Zunächst einmal drückte er den Stolz der Römer aus und bedeutete das psychologische Signal: "Im Unterschied zu Eurem unzivilisierten Barbarenland beginnt hier das Imperium Romanum!" Besuche, Austausch und Handel über den Limes hinweg behinderte er kaum, lenkte sie aber über bestimmte Passierstellen, wo die Römer Menschen- und Warenströme kontrollieren und Zölle erheben konnten. Allerdings wurde der Limes immer mehr auch zu einem Schutzsystem gegen Germaneneinfälle. Am Ende erstreckte er sich vom Norden Englands ("Hadrianswall") über ganz Mitteleuropa bis zum Schwarzen Meer.
Auf deutschem Boden ist der Limes rund 548 km lang und beginnt an der
Nordsee. Für uns war der mittlere Abschnitt von Belang, der
Obergermanische Limes. Dieser zieht bei Rheinbröhl
(nördl. Rheinland-Pfalz) zunächst in Richtung Osten, knickt
dann scharf nach Süden ab und geht über Welzheim bis
Lorch. Dort wendet er sich wieder nach Osten und verläuft mit
einer Mauer versehen als Rätischer Limes bis zur Donau bei
Regensburg. Während die ältesten Teile des Limes bis in das
Jahr 73 zurückreichen, war der Limesabschnitt bei Welzheim etwa
in der Zeit von 150-260 in Funktion.
Die Anfänge des Limes waren recht einfach. Ab 98 wurden in die dichten Wälder Schneisen geschlagen, in denen kleine Trupps römischer Soldaten patroullierten. Sie erschwerten marodierenden Germanengruppen Überfälle auf römisches Gebiet und schnitten ihnen Rückzugswege ab. Einige Jahre später wurden etwa zehn Meter hohe, von Erdwällen umgebene Wachtürme aus Holz errichtet, die bei einem mittleren Abstand von 800 Metern in Sichtweite zueinander standen. Rund dreißig Jahre danach wurde der Obergermanische Limes mit einer Palisade aus halbierten Eichenstämmen befestigt. Um 170 wurden die inzwischen baufälligen hölzernen Türme durch solche aus Stein und die verwitterte Holzpalisade durch Wall und Graben ersetzt.
Der Limes wurde zu einem komplexen System mit immerhin etwa 900 Wachtürmen sowie 60 größeren und 60 kleineren Kastellen, in denen ungefähr 40.000 Soldaten ihren Dienst versahen. Im römischen Hinterland bestand ein Netz von Militärstützpunkten und zivilen Versorgungseinrichtungen. Hinter den Wachtürmen gab es im Abstand von meist etwa zehn Kilometern kleinere Kastelle für Auxiliartruppen (Hilfstruppen), die 10-20 Mann Wachturmbesatzung stellten und von dieser in Notfällen benachrichtigt wurden. Ab 150 wurden die Kastelle auch aus Stein erbaut. Bei Bedarf konnten sie vom Legionskastell in der Provinzhauptstadt Verstärkung anfordern.
Die Situation In Welzheim war etwas untypisch. Obwohl der heute dort
nicht mehr sichtbare Grenzwall wohl am jetzigen östlichen
Stadtrand verlief, gab es hier direkt am Limes mehrere Kastelle: Im
Norden Welzheims das Kleinkastell Rötelsee, innerhalb der
heutigen Stadt das Ostkastell mit dem wohl ursprünglich aus
Wales stammenden Numerus Brittonum L, wenige hundert Meter westlich
davon das Westkastell mit der Ala I Scubulorum. Das Hauptkontingent
dieser ala hatte seinen Standort vermutlich in der damaligen
Bezirkshauptstadt (heute Stuttgart-Bad Cannstadt). Wie bei anderen
Kastellen gab es in Welzheim zwischen den beiden größeren
Kastellen eine kleine zivile Siedlung, einen vicus, in dem
Angehörige der Soldaten lebten, aber auch Händler,
Handwerker, Gastwirte und andere für die Versorgung und
Unterhaltung der Truppe.
Unser Plan, die Gegenwart dieser Vergangenheit in Augenschein zu
nehmen, schien unter keinem guten Stern zu stehen. Regen schon vor 7
Uhr morgens, ja nun. Aber der Regen blieb - 8 Uhr, 9 Uhr, 10 Uhr,
nichts als Regen. Doch wir waren hartnäckiger, vor allem waren
wir verabredet, mit einem Limes-Cicerone. Die Bedeutung "Führer"
dieses italienischen Ausdrucks ist wörtlich zu nehmen. Entlang
des Limes gibt es unter diesem Namen einen Verein, der sich für
den Schutz der Limesreste einsetzt und in den einzelnen Orten
Führungen zu den antiken Stätten anbietet. Mit dem in
Welzheim tätigen Cicerone Markus Schaaf hatten wir im Vorfeld
eine Führung ab 10.30 Uhr abgesprochen. Er ist eigentlich kein
echter Römer, immerhin studiert er in Tübingen Latein. Mit
Kettenhemd und Helm zünftig in der Uniform eines römischen
Soldaten begrüßte er uns am Westtor des Ostkastells.
Im Inneren brachte M. Schaaf uns erst einmal vor dem Regen in Sicherheit,
der dann aber nachließ und später ganz aufhörte. Wir
lauschten seinen Ausführungen zum historischen Umfeld der
Welzheimer Limesanbauten und den aufschlussreichen Erläuterungen
zu Konstruktion und Aufgaben der Kastelle in Welzheim. Modelle und
Nachbildungen brachten uns die Ausrüstung und Einiges an
Militärtechnik der römischen Soldaten näher. Der
anschließende Rundgang führte uns in den
Archäologischen Park auf dem Gelände des ehemaligen
Ostkastells. Hier erfuhren wir, mit welchen Gerätschaften und
Techniken es den Römern gelang, ihre Kastelle nach den
Himmelsrichtungen zu orientieren. Besondere Aufmerksamkeit fand ein
Steinblock vom nicht mehr sichtbaren Westkastell, nämlich vom
Treppenabgang zu einem kleinen Heiligtum und der Schatzkammer, einer
Art Tresorraum. Ein imposantes Steinrelief mit der Darstellung des
Lichtgottes Mithras fand nicht minder großes Interesse. Das Band
der Tierkreiszeichen wölbt sich in einem Bogen über seinem
Haupt (Original der Platte aus Osterburken, jetzt im
Bad. Landesmuseum, Karlsruhe).
Auf dem Gelände ist außerdem der große römische
Brunnen wieder aufgebaut, der zahlreiche zum Teil recht gut erhaltene
lederne Schuhe und Sandalen aus römischer Zeit barg. Die Kopien
von Statuen und weiteren Fund- stücken aus anderen
Römerorten ließen wir weitgehend unbeachtet. Statt dessen
begaben wir uns auf eine kleine Wanderung zu dem rund 1.500 Meter
entfernten, etwas versteckt liegenden Kleinkastell
Rötelsee. Trotz neuerlichen Regens vermittelten die sachkundigen
Erklärungen von M. Schaaf, auch die zahlreichen
Erläuterungstafeln ein anschauliches Bild von Aussehen und
Funktion dieses kleinen Römerlagers.
Wieder zurück beim Ostkastell, wo auch unser Bus parkte, begaben
wir uns nach diesen Erleben römischer Kultur in unserem Land
unmittelbar auf die Rückfahrt über Stuttgart, die Autobahn
Richtung Singen bis etwa Donaueschingen und durch das
Höllental. Nach ruhiger Fahrt gelangten wir gegen 17.00 Uhr vor
die Tore Freiburgs. Vor der endgültigen Heimkehr setzten sich die
meisten Ausflugsteilnehmer im Gasthaus "Zu den Zwei Tauben" in
Falkensteig noch zu gemütlicher Runde zusammen, um die
vielfältigen Eindrücke aus der Sternen- und aus der
Römerwelt Revue passieren zu lassen. Der Dank jedoch gilt unserem
Mitglied Jürgen Gottschall, der den Bus beschafft und uns sicher
gefahren hat. Ohne ihn hätte dieser gelungene Ausflug so nicht
stattfinden können. Ihm herzlichen Dank wie auch allen anderen
Organisatoren! Dieser Erfolg sollte Mut machen für ähnliche
Unternehmungen vielleicht nicht erst in zwölf Jahren.
Klaus Benthin
P. S.: Neben den offiziellen Seiten und Wikipedia empfehle ich hier aus dem Internet: