Auf dem Weg zu Stuttgarts Sternen

In Gedanken waren wir in diesem Jahr bereits viel unterwegs: Wir sind mit Helmut Haupt zum Kometen Holmes geflogen, haben zusammen mit Rolf Schlichenmeier mehrere Exoplaneten besucht und gemeinsam mit Wolfgang Steinicke die Welt der Strings und Branen erkundet. Unter Anleitung von Ulrich Schüly haben wir sogar einen Messier-Marathon mitgemacht. Höchste Zeit also, solchen virtuellen Ausflügen einmal einen realen folgen zu lassen!

Gesagt, getan! Am 12. Juli 2008, einem Samstag, trafen wir uns morgens am Freiburger Busbahnhof und machten uns auf den Weg nach Stuttgart. "Wir" - das waren: Lutz und Angela Bath, Klaus Benthin, Elias Danner, Martin Federspiel, Eva-Kathrina Förster, Reiner Glawion, Jürgen Gottschall, Andreas Masche, Hans-Jörg Mettig, Gisela Ruthmann, Wolfgang Sauer mit einem Gast, Ulrich Schüly, Achim und Carolin Tomasek-Schaller, Manfred Steinmann und Christian Dombrowski.

Unser Kapitän war Herr Gottschall; er hielt das Steuer in seinen professionellen Händen und lenkte unverzagt Richtung Nord. Martin Federspiel machte häufig Gebrauch vom Mikrofon, um Organisatorisches durchzugeben, die Hotelzimmer zu verteilen und das Geld für Überfahrt und Logis einzutreiben. So dass wir übrigen Matrosen und Leichtmatrosen nichts anderes zu tun hatten, als hinten im Bus zu sitzen und munter miteinander zu schwatzen.

Ich saß neben Reiner Glawion, der mir unter anderem verriet, wie er seine Studenten bei Klausuren strategisch im Raum verteilt: Er lässt nämlich immer je zwei Plätze und je eine Bankreihe zwischen ihnen frei, um alle Abschreibeversuche zu unterbinden. Wir unterhielten uns über Unzulänglichkeiten des Internet-Lexikons Wikipedia und über den früheren Schachweltmeister Garri Kasparow. Achim Schaller und Carolin Schaller-Tomasek erzählten von ihrer Reise nach Island vor einigen Wochen: Eine verspätete Hochzeitsreise sei das gewesen - verspätet, weil sie nämlich bereits vor zweieinhalb Jahren geheiratet haben. Sie erzählten von Reykjavik, der isländischen Hauptstadt, und von ihrem Besuch im Thingvellir, wo die alten Isländer sich versammelt haben. Sie erzählten von "Geysir", der Mutter aller Springquellen, die inzwischen aber nicht mehr springt, von "Gullfoss", dem goldenen Wasserfall ... Ich konnte ein wenig mithalten, was den Norden betrifft; denn im Januar war ich am Nordkap gewesen, mitten in der Polarnacht. Ich erinnere mich an eine diesig dämmernde Welt ohne Bäume und Farben, unwirklich dunkel selbst über Mittag - eine Schwarzweißwelt, die so aussah, wie sich Edgar Allan Poe das Nichts vorgestellt hat. Ich weiß nicht mehr, was ich davon erzählt habe, denn die Fahrt machte mich müde. Ich erinnere mich bloß, dass ich über einige Schachzüge von Garri Kasparow nachgrübelte und dabei einschlief. Als ich wieder zu mir kam, waren wir in Stuttgart.

Die Sternwarte Uhlandshöhe ist fast 90 Jahre alt. Sie bildet den wichtigsten Schauplatz des rührigen Vereins "Schwäbische Sternwarte", der sie in den Zwanzigerjahren erbaut hat und seither betreut. Eine gewundene Treppe führt in einen alten Wasserturm hinauf, wo ein Gutteil der Instrumente untergebracht ist; an den Wänden leuchten große Diakästen mit Bildern verschiedener Sternhaufen und Galaxien.

7 Zoll-Zeiss-Refraktor auf der Sternwarte Uhlandshöhe

Wir lernten drei Mitglieder des Vereins kennen: Andreas Eberle, Ottó Faragó und Astrid Teuscher-Faragó, seine Frau. Sie bereiteten uns einen überaus herzlichen Empfang, hatten Getränke und Schnittchen für uns vorbereitet und zeigten uns gern, was ihre Sternwarte zu bieten hat. Vor allem natürlich das Prunkstück: den 7-Zoll-Zeiss-Refraktor, der direkt unter der fünf Meter weiten Turmkuppel steht. Er hat eine Brennweite von 2590 Millimetern, stammt aus dem Jahr 1911 und gelangte durch eine private Stiftung in Besitz des Vereins. Das Gerät leistet nach wie vor solide Arbeit - die Nachführung freilich erfolgt nicht elektrisch, sondern mittels eines über hundert Kilo schweren Gegengewichts, wobei ein Fliehkraftregler die Geschwindigkeit kontrolliert. Einer nach dem anderen bestiegen wir das Leiterchen am Ende des Tubus, um hineinzulinsen - erblickten aber nur den kopfstehenden Stuttgarter Fernsehturm ... Denn so hervorragend sich der Refraktor zur Sonnenbeobachtung und für Blicke zu den Planeten eignet - an diesem Tag durften wir von ihm unter bedecktem Himmel nichts allzu Astronomisches erwarten. Wir entschädigten uns freilich durch den Anblick der Wände unterhalb der Kuppel; dort gab es ein Poster der Messier-Objekte und viele in Plastik gehüllte Fotografien von der Sonnenoberfläche, den Spektralfarben, von Finsternissen etc. Man sah dort auch eine große Zeichnung vom Lehrer Lämpel mit pädagogisch erhobenem linken Zeigefinger - sowie den nicht genug zu wiederholenden Hinweis: "Nie ungeschützt in die Sonne sehen!", von einer beigefügten Karikatur drastisch verdeutlicht.

In einem weiteren kleinen Kuppelbau stand ein C14-Teleskop, dessen computergestützte Nachführung keine Wünsche offen lässt, wie uns Ottó Faragó versicherte. Mit seiner weiten Öffnung (14 Zoll) kann es auch noch Galaxien und sonstige lichtschwache Objekte sichtbar machen. Ein Starfire-Refraktor wurde aus seiner Schutzhütte für uns hervorgerollt. Er wird vor allem für die Beobachtung der Sonnenoberfläche genutzt - so verfügt er über einen speziellen Protuberanzenansatz, um künstliche Finsternisse zu erzeugen. Natürlich haben viele Stuttgarter nächtens auch schon Planetarische Nebel, Doppelsterne und andere Köstlichkeiten durch ihn angeschaut. Ein weiterer Refraktor dient der Astrofotografie und kann bei starkem Publikumsandrang das Hauptgerät entlasten.

Als die Sternwarte gebaut wurde, lag sie am östlichen Rand des Zentrums - nicht mitten in der Stadt wie heute. Die Lichtverschmutzung spielte damals keine Rolle; heute setzt sie der Beobachtung Grenzen. Im Zweiten Weltkrieg war es vorbei mit der friedlichen Himmelsbetrachtung, denn von der Uhlandshöhe aus schoss die Flak. Es ist aber unmöglich, hier alle Geschichten und Begebenheiten zu wiederholen, die unsere sympathischen Gastgeber uns erzählten. Beim Abschied überreichte Martin Federspiel ihnen zwei Flaschen badischen Weins in einer roten Tüte, die mit lauter Herzchen bedruckt war.

Zum Planetarium ist es von der Uhlandshöhe nicht weit. Elias Danner führte uns hin. Im Wesentlichen geht es über eine Reihe von nicht enden wollenden Treppen hangabwärts und dann immer geradeaus. Im Mittleren Schlossgarten rechter Hand ist man am Ziel.

Bis zum Beginn der Planetariumsveranstaltung hatten wir noch Muße und schauten uns um. Im Vorraum steht ein ausrangierter Projektor - er sieht aus wie ein vorzeitliches riesenblaues Insekt mit 360-Grad-Facettenblick. 24 Jahre lang - von 1977 bis 2001 - hatte er seinen Dienst treulich verrichtet; eíne dankbare Schrifttafel zu seinen Füßen erinnert an die genau 23.041 Vorführungen innerhalb dieser Zeit und an die 4.422.407 Besucher in diesen Vorführungen. - Faszinierend ist auch ein sogenannter Gravitationstrichter, mit dem man die Wirkung der Keplerschen Schwerkraftgesetze demonstrieren konnte: Eine auf ihren Rand gestellte Münze läuft dort auf einer elliptisch kreiselnden Bahn um das Trichterzentrum herum genau wie ein Planet um die Sonne. In "Sonnennähe" ist die Münze am schnellsten, in "Sonnenferne" am gemächlichsten ... Es gibt schöne Leuchtbilder von Kometen, Protuberanzen und Finsternissen an den Wänden. Der Verlauf der ringförmigen Finsternis vom 29. April 1976 ist durch eine Folge von exakt 17 Fotos wiedergegeben: Man sieht, wie der Mond allmählich Stück für Stück von rechts nach links über die Sonnenscheibe rückt ... Das mittlere Bild zeigt ihn völlig umschlossen von einem hellen, ebenmäßigen Ring.

Die Vorführung beschäftigte sich mit den Welten "Jenseits von Neptun". Sie begann mit der Bildung des Sonnensystems vor 4,6 Milliarden Jahren ... Von da bis zu Eris und Pluto, Santa und Sedna, Orcus, Varuna und Quaoar (um einige Kleinplaneten jenseits von Neptun zu nennen) war es in jedem Sinne ein weiter Weg. Die blauen, nackengestützten Stühle, auf denen man saß, gaben so angenehm nach ... Doch mit dem Schlusssatz wurde ich schlagartig wach: Denn die Veranstaltung endete mit dem Gedanken, das Universum sei in seinen räumlichen und zeitlichen Dimensionen so übergroß, dass die Existenz der Erde oder der Menschen eigentlich völlig belanglos sei. Dem widersprach ich heimlich, aber heftig. Denn ich sagte mir, die Schlussfolgerung dürfe höchstens umgekehrt lauten: Denn gerade angesichts der ungeheuren Weiten des Alls sei jeder einzelne Mensch etwas unvergleichlich Besonderes und Kostbares. Ich glaubte in dem Schlusssatz der Planetariumsveranstaltung ein wenig von der Gedankenmusik wiederzuerkennen, wie ich sie bei Professor Hans-Ulrich Keller manchmal lesend vorgefunden habe. Dort stand er im Gespräch mit Martin Federspiel, ich näherte mich ihm mit großem Respekt. Es war eigentümlich, ihm jetzt gegenüberzustehen, nachdem ich ihn schon seit Jahrzehnten sozusagen literarisch kenne. Seinen astronomischen Kalender "Das Himmelsjahr" lasse ich mir immer zu Weihnachten schenken; aus keinem astronomischen Werk habe ich mehr gelernt; manche Passage weiß ich seit Jahren auswendig. So hatte ich das Gefühl, schon lang mit dem Autor vertraut zu sein - was natürlich nur sehr bedingt zutrifft. Meine Frau hatte Professor Keller allerdings einmal kennen gelernt, als sie für den SWR einen Film über die Welzheimer Sternwarte machte, und er erinnerte sich an die Dreharbeiten vor einigen Jahren. (Eigenartige Gabe der Literatur: Es ist möglich, Canetti und Borges und Lichtenberg in ihren genauen Facetten besser zu kennen als ihre jeweiligen Nachbarn in Zürich, Hannover oder Buenos Aires - man braucht ihnen gar nicht begegnet zu sein!)

Wir fuhren weiter nach Alfdorf bei Welzheim und quartierten uns im Gasthof Hirsch bei der Familie Waldner ein. Zu Abend aßen wir im Restaurant "Ratsstube" in der Nähe des Hotels. Ich saß neben Herrn Gottschall, wir unterhielten uns über Radsport und Formel 1. Herr Gottschall weiß über diese beiden Themen allerdings weit mehr als ich, und ich überlegte mir, dass sein Leben völlig anders aussähe, wäre das Rad NICHT erfunden worden - so wie das Leben von uns allen! Ich erzählte von meinen Radtouren früher am Schauinsland - wie ich beim Hinuntersausen über die Rennstrecke sechzig, siebzig Stundenkilometer schnell wurde und im Rausch damit begann, in den Kurven Autos auf der falschen Seite zu überholen ... Später verbot ich mir solche Exkursionen - aber seither weiß ich, was es mit einem Geschwindigkeitsrausch auf sich hat!

Sternwarte Welzheim in der Dämmerung

Auch Stefan Seip, der uns nach Einbruch der Dunkelheit durch die Sternwarte Welzheim führte - die Sonne war theatralisch und farbensatt hinter den Maisfeldern untergegangen -, kannte ich schon durch sein Werk, nämlich durch etliche seiner Astrofotografien, die ich gesehen hatte. So gewaltig die Technik war, die er uns vorführte - wir konnten sie nur bewundern, nicht nutzen. Denn der Himmel war und blieb bedeckt. Doch wir rissen die Augen auf voll Staunen angesichts der mächtigen Teleskope, die wir unter den drei Kuppeln zu sehen bekamen, und fotografierten wie bekloppt. Das größte Teleskop in Welzheim ist mit 90 cm Öffnung sogar das größte in Baden-Württemberg und gehört damit nicht mehr unbedingt in die Amateurliga. Es steht in der Ostkuppel und ist ein Cassegrain-Spiegelteleskop. Kostproben der Aufnahmen, die mit diesem gigantischen Lichteimer gemacht wurden, sind zum Beispiel im "Himmelsjahr" und auf der Internetseite von Herrn Seip zu bewundern. Hier sieht man, was möglich ist, wenn die richtigen Leute überzeugend bei Sponsoren und aufgeschlossenen Entscheidungsträgern auftreten. Auch die Westkuppel beherbergt eine instrumentelle Perle: Wer möchte nicht einmal durch den apochromatischen 10 Zoll-Zeiss-Refraktor seinen Blick über Mondlanschaften, Saturnringe oder die bunten Jupiterwolkenbänder streifen lassen? Gegen Mitternacht begaben wir uns schließlich zurück zum Hotel - denn wir mussten ausschlafen, um für den römischen Limes am kommenden Tag gerüstet zu sein.

Herzlichen Dank an Martin Federspiel für die Organisation des schönen Ausflugs - es steht nicht unbedingt in den Sternen eines Vereinsvorsitzenden geschrieben, dass er auch als Reiseleiter fungieren muss! Herzlichen Dank auch an Herrn Gottschall fürs sichere Fahren! Da es wohl Herr Benthin war, der dem Limes am nächsten Tag von uns allen am erwartungsvollsten entgegenfieberte, wird er selbst über diesen Teil unserer Exkursion im nachfolgenden Artikel Auskunft geben.

Christian Dombrowski

Weitere Impressionen vom Tage: Herr Förnzler vom Planetarium Stuttgart beantwortet mit größter Geduld Fragen zur Planetariumstechnik (links). Manche lassen den langen ersten Tag bei einem Bierchen im Hotel ausklingen (rechts).



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Last Update: 19. September 2008
Martin Federspiel (e-mail: clearskies"at"sternfreunde-breisgau"punkt"de)