Gedanken zum 2. Astronomietag/ zur "langen Nacht der Sterne" 2004

Die Astronomie ist wohl diejenige Naturwissenschaft, die sich am leichtesten popularisieren lässt. Wesentliche Grundzüge sind dem Vorstellungsvermögen des Menschen noch zugänglich. Zudem berührt die Astronomie grundlegende Fragen des menschlichen Selbstverständnisses. Seit Menschen zum Sternhimmel hinaufschauen, hat Astronomie ihre Kultur geprägt - bis heute. Andererseits ist das naturwissenschaftliche Verständnis und Wissen in der breiten Bevölkerung erschreckend gering, wie uns in letzter Zeit häufiger bescheinigt wird, als manchem Politiker lieb ist.

In dieser Situation mag es eine gute Idee sein, die Astronomie an einem eigens ausgerufenen landesweiten Gedenktag ins Bewusstsein der Öffentlichkeit zu rücken. Bereits im vergangenen Jahr hatte die Vereinigung der Sternfreunde (VdS) anlässlich der sehr günstigen Marsopposition den 23. August zum ersten deutschen Astronomietag erklärt. Die Aktion wurde - mindestens in Besucherzahlen gemessen - allenthalben ein großer Erfolg. Viele erinnern sich sicher gerne an die gelungene Kooperation des Kiepenheuer-Instituts und der Sternfreunde in dieser Nacht auf dem Schauinsland. 2004 gab es sogar zwei Veranstalter: Neben der VdS mit ihrem 2. Astronomietag hatte die Zeitschrift stern zusammen mit einigen Planetarien und anderen Partnern die "lange Nacht der Sterne" ins Leben gerufen. Die beiden Organisatoren konnten sich im Interesse der Sache im Vorfeld auf eine "partnerschaftliche Kooperation" einigen. Nach meinem - zugegebenermaßen subjektiven - Eindruck liefen die beiden Organisationsstränge aber bis zum Schluss einfach parallel nebeneinander her; die diversen Veranstaltungen fanden aber wenigstens alle am 18. September statt. Die begleitende Artikelserie im stern fiel eher enttäuschend aus - Auflage ist eben die höchste Maxime der Chefredaktion, was man bei der Themenauswahl und -aufbereitung immer wieder spüren konnte.

Rund 180 Planetarien, Institutionen, Volks-, Vereins- und Privatsternwarten im deutschsprachigen Raum beteiligten sich 2004 am 2. Astronomietag/an der "langen Nacht der Sterne", darunter auch die Sternfreunde Breisgau. Und die meisten hatten wie 2003 auch wieder Glück mit dem Wetter. Auf dem Schauinsland trübte kein Wölkchen den Himmel, es herrschte sogar Alpensicht. Damit war der Blick frei auf das von der VdS mangels Alternative auserkorene "Highlight" der Nacht: die sommerliche Milchstraße (mancher großstädtischen Volkssternwarte muss dieses Objekt jedoch eher als ein "Lowlight" erschienen sein). Die rund 200 Besucher, die zwischen 20 und 24 Uhr auf den Freiburger Hausberg gekommen waren, werden den für unsere Breiten seltenen Anblick des samtschwarzen, mit Sternen übersäten Himmels und des schimmernden Milchstraßenbandes so schnell wohl nicht vergessen. Durch insgesamt sieben Teleskope vom 20"-Dobson bis zum 4"-Newton konnten die Besucher dann in die Tiefen des Alls hinaussehen zu den sonnenfernen Planeten Uranus und Neptun, zu glitzernden Sternhaufen, in die gasnebelhafte Kinderstube der Sterne, zu sterbenden Sternen, zu Überresten von gewaltigen Sternexplosionen und zu fernen Milchstraßen. Die kundigen Sternfreundinnen und Sternfreunde an den Fernrohren waren stets dicht umlagert, erklärten Sternbilder und das im Fernrohr Gesehene, erzählten begeistert von ihrem Hobby und wurden manches Loch in den Bauch gefragt. So weit, so gut?

Diese "lange Nacht der Sterne" hat in mir ambivalente Gefühle ausgelöst. Einerseits habe ich viele Menschen erlebt, die mit Neugier, Interesse und bestimmt auch mit Erwartungen auf den Schauinsland gekommen waren. Aber konnten wir diesen Erwartungen auch gerecht werden? Mit welchem Eindruck und mit welchen Gefühlen haben sich unsere Besucher wieder auf den Heimweg gemacht? Nicht, dass wir uns nicht bemüht hätten, aber so ein Abend scheint mir aus mehreren Gründen problematisch zu sein: 1.Bei so einer Veranstaltung wechselt das Publikum ständig; man schaut mal durch dieses Fernrohr und hört mal bei jenem ein wenig zu. Da ist es schwer, Zusammenhänge zu vermitteln, etwa warum die Komponenten von Albireo unterschiedliche Farben zeigen oder was der Unterschied zwischen den zwei Nebelfleckchen ist, die zuletzt beobachtet wurden. 2.Es gab keine wirklichen Highlights zu beobachten. Erfahrungsgemäß geraten Neulinge in Verzückung, wenn sie zum ersten Mal die Mondkrater, Saturn mit seinen Ringen oder einen Kometen der Hale-Bopp-Klasse live sehen. Wenn solche Top-Objekte fehlen und man Doppelsterne und Nebelfleckchen zeigen muss, kommt einer guten Erklärung des Gesehenen bzw. des Unsichtbaren entscheidende Bedeutung zu. Dabei hatten wir es auf dem Schauinsland noch besonders gut: Bei optimalen Bedingungen war allein der Anblick des Sternhimmels und der Milchstraße schon ein Erlebnis. Aber bereits die Erklärung der Sternbildfiguren für eine Gruppe ist ohne in Europa unzulässige starke Laser-Pointer gar nicht so einfach. 3.Die Beobachtung durch ein Fernrohr erfordert Übung. Die Erfahrung lehrt, dass Ungeübte nur einen Bruchteil der wahrnehmbaren Details sehen, die ein langjähriger Beobachter auf den ersten Blick erkennt (z.B. Cassini-Teilung in den Saturnringen, Wolkenbänder in der Jupiteratmosphäre, ein Nebelfleckchen etc.). Auch eine genaue Anleitung, was "man sehen sollte", führt nicht immer zum Ziel. Außerdem wird mancher beim Blick durchs Fernrohr die spektakulären Bilder des Hubble-Teleskops vor Augen haben und dann enttäuscht sein, wenn live davon so gut wie nichts zu sehen ist.

Wenn diese Faktoren zusammenwirken, kann die Begeisterung, mit der der Besucher eigentlich gekommen ist, leicht in Frustration umschlagen - und genau das will man ja nicht. Die Nacht soll doch in positiver Erinnerung bleiben und dem Ansehen der Astronomie nützen!

Was also tun? Ich würde mir wünschen, dass das Datum des Astronomietages so gewählt wird, dass mindestens ein Highlight zu sehen ist (Mond, Saturn, Jupiter, Mars, heller Komet, ...). Ideal wäre, wenn die Gruppe an einem Fernrohr längere Zeit zusammen bleibt, damit durch ein wohldurchdachtes Beobachtungsprogramm Zusammenhänge entwickelt werden können. Hilfreich wäre auch eine bebilderte Einführung in der Dämmerung, damit die Besucher in etwa wissen, was sie erwartet und worauf sie achten sollen. Es empfiehlt sich ohnehin, eine entsprechende Präsentation in der Hinterhand zu haben, falls das Wetter schlecht ist.

Gelegenheit, ein verbessertes Konzept auzuprobieren, haben wir schon am 10. September 2005 beim dritten Astronomietag/der zweiten "lange Nacht der Sterne". Wenigstens ist dann der Mars recht günstig am Abendhimmel zu beobachten...

Martin Federspiel


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Last Update: 23. Dezember 2004
Martin Federspiel (e-mail: clearskies"at"sternfreunde-breisgau"punkt"de)